Behavioral Controlling?

Was ist ...:

Von Michael Leitl
Heft 8/2011

Sie planen mit den Abteilungen Budgets und kümmern sich um Kontroll- und Bonussysteme, um dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter im Sinne der Unternehmensziele handeln. Wissenschaftler, die für die Tätigkeit der Controller Zusammenhänge zwischen Kennzahlen, Kontrollsystemen und Unternehmenserfolg erforscht haben, haben meist alles Menschliche aus ihren Modellen getilgt. Sie gingen vom Bild des Homo oeconomicus, des stets rational Handelnden, aus.

HBM / Was ist ..? Allerdings stießen die Wissenschaftler immer wieder an Grenzen. Um die komplizierten Vorgänge in heutigen globalen Unternehmen zu analysieren, reichen die rein ökonomischen Modelle nicht aus. Da das Verhalten der handelnden Personen das Geschehen bestimmt, müssen auch zuweilen irrationale Verhaltensweisen berücksichtigt werden. Bei den traditionellen Analysen gingen die Ökonomen immer davon aus, dass das irrationale Verhalten zum Beispiel auf den Kapitalmärkten immer von rational Handelnden ausgeglichen wurde. Daher funktionierte in der Theorie der stark vereinfachte Vernunftansatz recht gut.

Bezogen auf Vorgänge im Unternehmen selbst sieht das anders aus. Schon 1952 beschrieb Chris Argyris, damals Professor für Verwaltungswissenschaften in Yale und Mitbegründer der Organisationsentwicklung, dass das Erstellen von Budgets die Einstellung der Mitarbeiter negativ beeinflussen könne. Er entdeckte also einen Zusammenhang wischen Systemen und dem Verhalten der Mitarbeiter. In den darauffolgenden Jahrzehnten untersuchten immer mehr Wissenschaftler die Zusammenhänge zwischen menschlichem Verhalten, der Arbeit im Unternehmen und dem Unternehmenserfolg. So entstanden verschiedene interdisziplinäre Gebiete, wie Behavioral Accounting (Rechnungswesen), Behavioral Finance und Behavioral Marketing.

In Deutschland versuchen Professoren wie Jürgen Weber an der WHU in Vallendar, die praktischen Auswirkungen irrationalen Verhaltens auf die Arbeit des Controllers zu erklären und Lösungsansätze zu entwickeln, sie nennen das Gebiet Behavioral Controlling. Dabei geht es um psychische Phänomene wie Überoptimismus, Überlegenheitsgefühle und Wahrnehmungsverzerrungen.

Untersucht wird zum Beispiel das unbewusste Ausblenden von Risiken, das gerade bei erfolgreichen Managern vorkommt; oder auch zu großer Optimismus bei Schätzungen des Zeitbedarfs oder der zu erwartenden Kosten eines Projekts. Das Ziel der Wissenschaftler ist, verlässliche Zusammenhänge aufzudecken, wie etwa die Erkenntnis, dass Experten die Risikokennzahl Value at Risk meist um 15 Prozent zu niedrig einschätzen.

Hier schließt sich der Kreis zur Praxis. Kennen Controller die erforschten Zusammenhänge, können sie die entsprechenden Daten besser bewerten und Fehlentscheidungen im Management vorbeugen.

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