Von Holger Rust
Scheitern gehört zum Leben! Na klar. Die Frage ist nur, warum dann niemand darüber reden mag. Und schon gar nicht über das Scheitern auf Karrierepfaden. Sicher, es gibt ein paar Schriftsteller und Denker, die sich mit dem Scheitern beschäftigt haben, wie vor mehr als 50 Jahren die Existenzialisten mit ihrem trotzigen "Dennoch". Jüngst legte Hans Magnus Enzensberger ein wenig kokett ein Buch mit seinen "Lieblings-Flops" vor. Aber der hat gut reden, vom Zenit eines erfolgreichen Lebens, in dem ein paar Projekte danebengingen. Dann gibt's noch die lesenswerten Gedanken des jungen Philosophen Robert Pfaller. Der schreibt, dass eine bestimmte Art des planvollen Scheiterns als Absage an ein System gepflegt werden kann, das man nicht will. Aber das hilft hier nicht weiter. Hier geht es um das Scheitern in einem System, das man akzeptiert, in dem man sich daheim fühlt. Allerdings offensichtlich nicht so, dass man über Ängste und Versagen sprechen könnte.
Dieses System folgt der Utopie des Gelingens und dieses Gelingen heißt: Management. Handhabung. Kontrolle. Wenn man, wie in unserer aktuellen Studie, fragt, was denn der angemessenste Begriff für die Turbulenzen "da draußen" sei, dann findet man kaum jemand, der "Bedrohung" oder "Schicksal" nennt. 94 Prozent der Befragten sagen trutzig: "Herausforderung". Und wer der Herausforderung nicht gewachsen ist, der ist zu schwach für diese Welt.
Eine Welt, die sich in ungezählten Traktaten, Ratgebern, Biografien, Modellen oder Best Practices stolz dokumentiert. Eine Welt der Erfolge, der bestandenen Herausforderungen, eine wilde Kasuistik des unausweichlichen Gewinnens.
Aber doch nur eine Halbwahrheit. Denn Scheitern ist normal, die Regel, immer, überall, für jeden. Doch eine Dokumentation des Scheiterns sucht man vergebens.
Und dann die Social Networks, wie sie so schön und täuschend heißen. Hat von Ihnen, meine erfolgreichen Leserinnen und Leser, je jemand in diesen tollen Social Networks mit den Millionen Kontakten ersten, zweiten und dritten Grades eine Community entdeckt, die das sichtliche Scheitern abarbeitet? Warum sonst sollten so viele so oft "neue Herausforderungen" suchen, wenn sie nicht an den Umständen, an ihren Vorstellungen oder Vorgesetzten, an was auch immer mehr oder weniger gescheitert wären? Im Grunde wissen wir: Gegen das, was in der Wirtschaftswelt täglich passieren kann, nimmt sich Murphy's Law als haltloser Optimismus aus.
Man lernt aus den eigenen Fehlern und aus den Erfolgen der anderen. Aus eigenen Erfolgen lernt man selbst wenig, da Erfolg nichts weiter als eine Bestätigung dessen ist, was man doch eh schon wusste. Wie sonst hätte man es tun können. Der Misserfolg ist nicht per se interessant. Interessant wird er durch seine Relevanz. Lesen wir Erfolgsgeschichten, so interessieren sie uns doch nur dann, wenn wir darin ein Muster erkennen, das mit unseren Problemen, [...] mehr...
Gutes Thema. Ich finde es sehr bedenklich, dass wir in unserer Gesellschaft dieses Weltbild verbreitet haben, dass "scheitern" sehr negativ und mit Versagen behaftet ist. Es gibt Regionen und Länder, da ist es genau anders herum. Aber in einer Wirtschaft, wo immer noch das "schneller, höher, besser, weiter" als Leitmotiv gilt, wäre es auch verwunderlich, wenn scheitern positiv besetzt wäre. Ich kann aus persönlichen Erfahrungen nur [...] mehr...
Zu scheitern heißt Fehler begangen zu haben. Ohne Fehler würden schnell Zufriedenheit, Bequemlichkeit und Sättigung eintreten, die den Fortschritt behindern. Scheitern ist ok. Wichtig ist aus den Fehlern zu lernen, d.h. aufrichtige Ursachenforschung zu betreiben und nicht nur Symptombekämpfung. Aber immer mit dem Leitgedanken des Lerneffektes, nicht der Schuldigensuche. In den Fallstudien meiner Trainings erfahre ich leider immer wieder, dass der Punkt [...] mehr...