Negatives Wissen?

Was ist ...:

Von Christina Kestel
Heft 6/2011

Was die meisten als Ausdruck von Schwäche, Versagen oder gar als Zeichen mangelnder Intelligenz sehen, interpretiert Fritz Oser ganz anders. Für den Schweizer Psychologen sind Fehler das natürliche Ergebnis eines Lernvorgangs. Mal geht es gut, mal geht es schief. Und wenn etwas schiefläuft, dann ist diese Erfahrung nicht etwa unnütz, sondern birgt eine wertvolle Information. Nämlich das Wissen darüber, wie etwas nicht funktioniert. Der Mensch muss also nicht immer wieder den steinigen Weg voller Tiefschläge und beschämender Situationen beschreiten, um zu der Erkenntnis zu gelangen, wie etwas richtig geht. Es reicht aus, das Wissen darüber abzuspeichern und wieder abzurufen, wenn es gebraucht wird. Was der Volksmund mit dem Spruch "Versuch macht klug" zusammenfasst, nennt Oser "negatives Wissen". Dieses kognitive Erkennen ist der wahre Schatz im Prozess des Scheiterns, den es zu heben gilt.

Der emeritierte Professor für Pädagogik und Pädagogische Psychologie der Schweizer Universität Fribourg hat unter anderem das Fehlverhalten von Lehrpersonen, Ärzten und Richtern untersucht. Die Pilotenausbildung als Beispiel für den Aufbau negativen Wissens wird von ihm an verschiedenen Stellen angeführt. Im Flugsimulator ist es notwendig, Fehler zu machen, denn in der Realität hätten diese verheerende Auswirkungen. Hier üben angehende Piloten, wie sie ein Flugzeug unter schwierigsten Bedingungen zur Landung bringen. Zu Beginn scheitern sie meistens. Auch wenn es sich nur um Simulationen handelt, sind diese Situationen mit starken emotionalen Reaktionen verbunden - in der Regel sind die Piloten schweißgebadet und ihr Puls rast, bis sie es schaffen, das Flugzeug im Simulator heil zu landen. Die Piloten wissen nach ihren Fehlversuchen, welche Strategien nicht zum Erreichen ihres Ziels führen, wie etwas nicht funktionierte und welche Konzepte oder Theorien falsch waren. Sie haben also nach Oser "negatives Wissen" über Landeversuche aufgebaut.

Kommen die Piloten unter Live-Bedingungen in eine vergleichbare Situation wie im Simulator, dann erinnern sie sich. Das bedeutet konkret, dass ihre im episodischen Gedächtnis abgespeicherten Erfahrungen und ihre Emotionen dafür sorgen, das korrigierende Ereignis schnell abzurufen. Die Erinnerung bewirkt, dass derselbe Fehler kein zweites Mal begangen wird. Emotionen wie etwa Scham, Schuldgefühle, Angst oder Betroffenheit spielen im Erinnerungsprozess eine entscheidende Rolle. Sie sind quasi die Narben eines negativ erfahrenen Ereignisses. Für Oser ist die Erinnerung deshalb ein "metakognitives Alarmsystem".

Negatives Wissen schützt nicht nur vor Wiederholungsfehlern, sondern hilft auch, komplexere Zusammenhänge zu verstehen und einzuordnen. Ferner zeigt negatives Wissen Kontraste auf, das Richtige kann leichter vom Falschen unterschieden werden.

Voraussetzung für den Aufbau negativen Wissens ist allerdings eine Fehlerkultur, die es gestattet, mit Schwächen konstruktiv umzugehen. "Es ist nicht die Akzeptanz des Falschen, sondern die Verarbeitung des Falschen zum Richtigen hin", sagt Fritz Oser über die ideale Fehlerkultur. Übertragen auf das Pilotenbeispiel bedeutet dies, alle an der Lösung zu beteiligen und keinen bloßzustellen. Dann haben alle etwas davon.

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