Abusive Supervision?

Was ist ...:

Von Cornelia Hegele-Raih
Heft 5/2011

Abusive Supervision ist ein von den Mitarbeitern als feindselig und aggressiv wahrgenommenes Führungsverhalten, das verbal oder nonverbal erfolgen kann - physische Übergriffe ausgenommen. Also etwa: öffentliches Bloßstellen, anschreien, kränkende Bemerkungen, ignorieren oder - wenn man so will - Mobbing durch den Vorgesetzten. Der amerikanische Autor Bennett J. Tepper brachte das Stichwort im Jahr 2000 mit einer Veröffentlichung im "Academy of Management Journal" in die wissenschaftliche Debatte ein. Er schätzt, dass 10 bis 16 Prozent aller US-amerikanischen Angestellten von Abusive Supervision betroffen sind. Ernste Fälle verursachen Kosten zwischen 17.000 und 24.000 Dollar.

Abusive Supervision: Anschreien, Bloßstellen und ignorieren
Corbis

Abusive Supervision: Anschreien, Bloßstellen und ignorieren

Die Folgen der missbräuchlichen Führung sind vielfältig: Nicht nur Motivation und Zufriedenheit, sondern auch die Produktivität der Mitarbeiter lassen nach, während Stressempfinden und aggressives Verhalten gegenüber Kollegen, Vorgesetzten und dem privaten Umfeld zunehmen. Die Fluktuation steigt, und die Kreativität derjenigen Mitarbeiter, die den Arbeitsplatz nicht wechseln (können), sinkt. Führungskräfte, die ihr Umfeld im Unternehmen oder die Art, wie ihr eigener Chef mit ihnen umgeht, als ungerecht empfinden, neigen verstärkt zu feindseligem Verhalten gegenüber ihren Mitarbeitern - nach dem Motto: Chef ärgert Angestellten, Angestellter tritt seinen Hund. Mitarbeiter fühlen sich umgekehrt umso stärker vom Vorgesetzten gemobbt, je geringer ihr eigenes Selbstwertgefühl ausgeprägt ist.

Da die Ursachen des Phänomens noch weitgehend im Dunkeln liegen und um Zahlen für den deutschsprachigen Raum zu erheben, hat Stefan Klaußner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Organisation und Führung am Institut für Management der FU Berlin, ein Forschungsprojekt begonnen. In einem ersten Schritt hat er Experteninterviews in einem global agierenden deutschen Industrieunternehmen geführt. Das Ausmaß, in dem Abusive Supervision vorkommt, wurde im untersuchten Konzern sehr unterschiedlich eingeschätzt. Einige Manager behaupteten: "In meinem Führungsteam gibt es dieses Phänomen nicht!"; Personalverantwortliche gehen dagegen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. Sie vermuten, dass Mitarbeiter längere Zeit in der inneren Kündigung verharren, nicht selten krank werden und Hilfe erst spät in Anspruch nehmen, wenn sie keinen Weg mehr sehen, allein mit den Problemen fertig zu werden.

Zwei Formen feindseligen Führungsverhaltens lassen sich unterscheiden: solches, das absichtlich gegen die einzelne Person gerichtet ist (was auch als Bossing bezeichnet wird), und jenes, das der Durchsetzung organisationaler Ziele dient. Letzteres scheint den größten Schaden anzurichten, da Manager, die den Druck, den sie selbst empfinden, an Mitgliedern der Arbeitsgruppe auslassen, ihr Verhalten kaum reflektieren.

Wie Klaußner feststellt, können regelmäßige Mitarbeitergespräche von Beginn an Abusive Supervision verhindern. Ist das Verhältnis jedoch bereits vergiftet, scheinen Gespräche die Situation nur weiter zu verschlechtern. In einem ersten Schritt sollte das Management die Führungskräfte für das Thema sensibilisieren und Mitarbeitern unbürokratisch Hilfe von Psychologen und Coachs anbieten.

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