Genie oder Scharlatan?

Kolumne:

Von Holger Rust
Heft 4/2011

"Die Scharlatane aller Zeiten waren Meister der Menschenkenntnis und der Menschenbehandlung, immer mieden sie die denkenden und wendeten sich an die gläubigen Menschen. Die Ausnutzung der menschlichen Sehnsucht nach Verwandlung, ... das skrupellose Jonglieren mit dem Vertrauen der Hoffenden" war ihr Geschäft. Das schrieb die Schweizer Journalistin Grete De Francesco 1936 in der "Ciba-Zeitschrift", einem frühen und ambitionierten Beispiel des Corporate Publishing. Bis heute wird ihre hellsichtige Analyse sehr oft zitiert. Und das hat einen Grund.

Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen
Felix Scheinberger

Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen

Denn die Scharlatanerie feiert, wie man damals gesagt hätte, fröhliche Urständ. Und hat neben ihrem ursächlichen Terrain - der Medizin - eine neue Klientel entdeckt, "Hoffende" mit besonders attraktiven Eigenschaften: Sie sind zahlungskräftig, und jeder kann sie nach Belieben für alles, was schiefläuft in der Welt, beschimpfen: als Raffkes, Schlaffkes, Nieten im Nadelstreif, kurz: als Manager. Die also bräuchten Wiederaufbauhilfe, so die Botschaft einer großen Schar tingelnder Gurus.

Natürlich ist in dieser turbulenten Zeit Hilfe von seriösen Beratern, Trainern, Coachs und tatsächlich Gelehrten oft unerlässlich. Aber wie unterscheidet man die Scharlatane von ihnen?

Nun, da ist zunächst einmal die Art der Bewerbung, wenn sich jemand etwa in nichtssagenden Floskeln selbst bejubelt, dass er zum Beispiel als "renommiertester Vertreter seines Gewerbes gelte", dann aber weder begründet noch nachgewiesen wird, wem man als derart renommiert gilt.

Zweitens ist Vorsicht angeraten, wenn Sendungsbewusstsein ins Spiel kommt, wenn ein "Lebensprojekt" oder eine Art öffentlicher Mission behauptet wird, etwa "den Menschen" Angst vor der Zukunft oder dem Erfolg zu nehmen, auf eine Weise, die niemand besser könne. Da fehlt jene Bescheidenheit, die wahre Könner und stille Berater auszeichnet.

Wie auch beim dritten Zeichen, der enzyklopädischen Anmaßung: Wenn aus einer einzigen Feder Erfolgskonzepte zu Rhetorik, Karriere, Zeit-, Konflikt-, Projekt- und Selbstmanagement, Führung, Verkaufsstrategie, Kreativität und Small Talk, die Zukunft der Arbeit und buchstäblich zig andere Dinge des Unternehmensalltags fließen, dabei locker noch komplexe Disziplinen wie Genetik, Evolutionstheorie und - derzeit ein modisches Additiv - "die" Hirnforschung als Basis der Erfolgskonzepte eingebaut werden! Dann haben wir es entweder mit einem unter Millionen einzigartigen Genie zu tun oder - siehe de Francesco.

Schließlich ist, um zum letzten Punkt zu kommen, Skepsis angebracht, wenn die Logik aus dem Ruder läuft. Wenn also dem Kunden ein sicherer Wettbewerbsvorsprung vor der Konkurrenz in Aussicht gestellt, gleichzeitig aber mit dem Hinweis auf Abertausende begeisterte Teilnehmer der Seminare geworben wird, denen ebendies auch versprochen wurde.

Interessant ist nun aber, dass ich in zahlreichen Gesprächen mit Managern und Managerinnen nie welche getroffen habe, die solche Gurus gebucht oder ihre Bücher gekauft hätten. Wäre es denkbar, dass die sich mit ihren vorgeblichen Managementkontakten nur wichtig machen wollen?

Das wäre aber wirklich der Gipfel der Scharlatanerie.

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