Das 300-Dollar-Haus

Innovation:

Von Vijay Govindarajan
Heft 4/2011

In diesem Jahr möchte ich etwas Großes bewegen, indem ich in kleinen Dimensionen denke: Ich möchte 2011 dabei helfen, das 300- Dollar-Haus zu schaffen. Die Idee dazu habe ich zum ersten Mal in einem Blog bei der "Harvard Business Review" vorgestellt - zusammen mit Christian Sakar.

Kluge Kritiker haben sich eingeklinkt, und inspirierte Freiwillige wollten einen Beitrag leisten. Ein Haus für 300 Dollar zu bauen würde das Leben von Millionen verzweifelten armen Bürgern verändern. Es würde Fremde zu Nachbarn machen und Slums in freundliche Siedlungen verwandeln.

Gerechteres Wohnen: Günstiges Haus statt Wellblechhütte
Dirk Schleef

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Trotz seines ultragünstigen Preises könnte das Haus moderne Bequemlichkeiten wie fließendes Wasser und Elektrizität bieten. Noch wichtiger: Es könnte seinen Bewohnern gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen durch den gemeinschaftlichen Zugang zu Computern, Handys, Fernsehen, Wasserfiltern, Solarzellen oder umweltfreundlichen Kochherden.

Dies würde es den Armen ermöglichen, die engen Begrenzungen der Slums zu überwinden. Es würde das Leben vieler Menschen gesünder machen oder gar retten und die Basis für eine gute Erziehung schaffen.

Die Idee, die Slums durch den Bau günstiger Häuser zu regenerieren, ist nicht neu. Bisher wurden die Bemühungen aber hauptsächlich von Nichtregierungsorganisationen und Regierungen betrieben in der Annahme, dass die Armen keine Kunden sein könnten, weil sie sich selbst ein so billiges Haus nicht würden leisten können. Doch diese Annahme ist falsch.

Ein 300-Dollar-Haus wäre keine Wohltätigkeit, sondern eine Herausforderung für die Wirtschaft. Nicht nur, dass die Armen eine sehr bedeutsame Kundengruppe sein könnten, sie repräsentieren auch das am schnellsten wachsende Kundensegment. Um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, bedarf es bahnbrechender Innovationen, die sich durch Größenvorteile rechnen müssen - etwas, worin multinationale Unternehmen Erfahrung haben sollten.

Und es gibt Vorbilder: Hindustan Lever, die indische Niederlassung von Unilever, veränderte für das ländliche Indien ihr Vertriebskonzept und machte die riesige indische Landbevölkerung zu Kunden.

Multinationale Unternehmen können dieses Problem nicht allein lösen. Die Armen sollten nicht als passive Empfänger solcher Lösungen betrachtet werden, sondern als Hauptakteure. Stellen wir sie in den Mittelpunkt eines entstehenden Ökosystems - bestehend aus Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen und Regierungen -, das ein hochwertiges Haus zu Niedrigstkosten bauen kann.

Wir werden es geschafft haben, wenn die Wirtschaft es als Herausforderung betrachtet, 300-Dollar-Häuser zu bauen, und das Geschäft mit Services für die Bewohner als eine Riesenchance ansieht, mit der Milliardengewinne erwirtschaftet werden können.

Zum Autor
Vijay Govindarajan ist Professor für International Business an der Tuck School of Management in Dartmouth.
Obwohl ich ein Newcomer bin, was preisgünstiges Bauen betrifft, bin ich nicht naiv angesichts dieser Herausforderungen, etwa was die Schwierigkeiten in Bezug auf das Bauland betrifft, die politischen Auseinandersetzungen und die schizophrene Einstellung der Welt gegenüber Slums.

Hier ist meine Agenda für 2011:

1. Eine Bewegung ins Leben rufen mithilfe von Vordenkern, die für hbr.org und 300house.com schreiben und dabei die Herausforderung aus allen denkbaren Perspektiven beleuchten - Ermächtigung der Slumbewohner, Design, Stadtplanung, Landrechte, Finanzen, Infrastruktur, politische Rahmenbedingungen, Energie und vieles mehr.

2. Eine Konferenz organisieren, die der 300-Dollar-Hoffnung gewidmet ist. Ich werde die klügsten und die besten Köpfe - unter anderen Jimmy Carter, Rahul Gandhi und Vinod Khosla - dazu bewegen, daran teilzunehmen.

3. Nach Indien reisen mit Experten und Führungskräften, um mit den Slumbewohnern zusammenzutreffen und um mit ihnen zusammen einen Prototyp zu bauen.

Wenn ich über diese Idee nachdenke, denke ich an meine Töchter. Sie sind unglaublich klug, aber nicht unbedingt klüger als ein junges Mädchen, das in Indiens dreckigstem Slum aufgewachsen ist. Meine Töchter haben, was dieses Mädchen nicht hat - eine Chance, über ihren eigenen Weg zu bestimmten.

Das ist es, wofür das 300-Dollar-Haus steht - nicht nur dafür, eine Tür zu einem Heim zu öffnen, sondern die Tür zu einer ganzen Welt voller Möglichkeiten. Ich hoffe, Sie teilen meine Passion.

Artikel
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