Der Weg zum perfekten Job

Psychologie:

Von Edward M. Hallowell
Heft 1/2011

Als Kinderpsychiater werde ich tagtäglich gebeten, jungen Menschen, die mit den an sie gestellten Anforderungen nicht zurechtkommen, zu besseren Leistungen zu verhelfen. Vor Kurzem behandelte ich einen Sechstklässler - nennen wir ihn Tommy -, der trotz immer heftigerer Vorhaltungen vonseiten seiner Lehrer und Eltern, sich doch endlich mehr Mühe zu geben, in der Schule einfach nicht weiterkam. Ich sah ihm sofort an, wie deprimiert er war; also griff ich zu einer Therapiestrategie, die ich eigens für Kinder wie ihn entwickelt habe. Es begann damit, dass ich herauszufinden versuchte, was diesem Jungen Spaß machte (Sachen bauen und Gitarre spielen), statt mich darauf zu konzentrieren, was er nicht gut konnte (Mathematik, Naturwissenschaften, Musik und praktische Projekte). Als Nächstes ermunterte ich ihn dazu, sich den Dingen, die er gern tat, häufiger zu widmen.

Das Gefühl nicht am richtigen Platz zu sein: Diese "Krankheit" kann sich in einem Unternehmen genauso schnell ausbreiten wie eine Virusinfektion und seine Lebensenergie völlig untergraben
Karsten Petrat

Das Gefühl nicht am richtigen Platz zu sein: Diese "Krankheit" kann sich in einem Unternehmen genauso schnell ausbreiten wie eine Virusinfektion und seine Lebensenergie völlig untergraben

Außerdem sorgte ich dafür, dass er nicht mehr an einem Kurs teilzunehmen brauchte, in dem es einen eindeutigen Konflikt zwischen ihm und dem Lehrer gab. Stattdessen durfte er in einen Kurs wechseln, in dem er sich wohler fühlte. Ich empfahl den Erwachsenen in seinem Leben, darauf zu achten, dass Tommy sich im Klassenzimmer kreativ und fantasievoll beschäftigte und nicht einfach nur gelangweilt herumsaß. Außerdem riet ich ihnen, den Jungen zu fordern - aber nicht so, dass er es als Bestrafung empfand. Stattdessen sollten sie ihm eine ganz andere Botschaft vermitteln: "Ich verlange mehr von dir, als du im Augenblick leistest, weil ich weiß, dass mehr in dir steckt." Schon nach ein paar Wochen strengte Tommy sich in der Schule mehr an und ging sogar gern dorthin. Und schon bald bekam er von seinen Lehrern ein positives Feedback, was ihn anspornte, sich noch mehr Mühe zu geben.

Vielleicht werden Sie sich jetzt fragen, was diese Geschichte mit Ihnen zu tun hat - einem erwachsenen Menschen, der in einem komplexen Unternehmen arbeitet oder es vielleicht sogar leitet. Ganz einfach: Viele Leute fühlen sich an ihrem Arbeitsplatz genauso, wie es Tommy in der Schule ergangen ist.

Kompakt
  • Die Grundlage
    Für das Gehirn sind Gefühle eine überlebenswichtige Angelegenheit. Neben rationalen Erwägungen steuern Emotionen unsere Launen, unser Engagement und unsere Leistungsfähigkeit. Aus diesen Erkenntnissen entwickelte der Autor den Exzellenzzyklus, ein fünfstufiges Schema, das Menschen hilft, die für sie passende Aufgabe zu finden.
Nehmen wir als Beispiele drei Führungskräfte. Megan, eine Marketingexpertin mit hervorragenden Fähigkeiten und untadeliger Arbeitseinstellung, schleppt sich jeden Morgen mit Widerwillen in ihre Firma, weil die Unternehmenskultur ihr einfach nicht zusagt: Da wird ständig gelästert, und man kommt nur mit Vettern- und Cliquenwirtschaft weiter. Alex, ein Jurist von der Harvard Law School, ist auf dem besten Weg, Partner in einer renommierten New Yorker Anwaltskanzlei zu werden; aber er hasst seinen Job. Er muss sich jeden Tag aufs Neue dazu überwinden, seinen Körper in einen Anzug zu zwängen, sich eine elegante Krawatte umzubinden und seine Gesichtszüge zu einem gequälten Lächeln zu verziehen. Luke arbeitet als Topmanager bei einer erfolgreichen Firma, die Tiernahrung herstellt und vor Kurzem von einem großen Unternehmen aufgekauft wurde. Er staunt immer noch darüber, wie rasch der Charme seiner kleinen Firma geschwunden ist, nachdem es von dem großen Unternehmen geschluckt worden war.

In allen drei Fällen kann ich nur eine Diagnose stellen: Diese Mitarbeiter haben innerlich gekündigt, weil sie das Gefühl haben, nicht am richtigen Platz zu sein. Diese "Krankheit" kann sich in einem Unternehmen genauso schnell ausbreiten wie eine Virusinfektion und seine Lebensenergie völlig untergraben. Zurzeit grassiert sie in unserer Unternehmenswelt wie eine Seuche, was nicht zuletzt auf die rapiden Veränderungen in unserer Arbeitswelt zurückzuführen ist: Was heute noch neu ist, ist morgen schon alt; was man heute für schnell hält, gilt morgen schon als langsam; das Private ist öffentlich; man muss sich auf immer mehr Dinge gleichzeitig konzentrieren; Loyalität entwickelt sich immer mehr zu einem Fremdwort; statt Debatten zu führen, werfen die meisten Leute nur noch mit Schlagwörtern um sich; und die Unternehmenspolitik vieler Firmen besteht nur aus Plattitüden. Wie soll man unter solchen Bedingungen Spitzenleistungen erbringen?

Auf die Frage, wie Menschen es schaffen, Höchstleistungen zu erbringen, konzentriere ich mich als Spezialist für kindliche Entwicklung und Lernstörungen wie ADHS und Legasthenie und als Berater für Menschen aller Altersgruppen schon seit 30 Jahren. Das Verfahren, das ich entwickelt habe, um Kindern wie Tommy und Erwachsenen wie den drei soeben beschriebenen Führungskräften zu helfen, heißt "Cycle of Excellence" (Exzellenzzyklus). Es besteht aus fünf Schritten: Suche dir die richtigen Aufgaben aus; knüpfe Kontakte zu Kollegen; gehe Probleme spielerisch an; kämpfe mit Herausforderungen und wachse daran; und genieße die Anerkennung, die du für deine Leistungen erntest.

Artikel
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