Der Weg zum perfekten Job

Heft 1/2011

4. Teil: Bemühen Sie sich um positiven Stress

Herausforderungen suchen

Wenn Sie so weit gekommen sind, dass Sie Ihre beruflichen Aufgaben auf kreative, fantasievolle Weise erfüllen, werden Sie naturgemäß das Bedürfnis verspüren, sich dabei noch mehr Mühe zu geben. Die Vorstellung, dass manche Menschen eine bessere Arbeitsmoral haben als andere, weil sie diesen in moralischer Hinsicht überlegen sind oder mehr Charakterstärke besitzen, ist falsch. In Wirklichkeit strengen Leute sich einfach nur deshalb mehr an, weil sie ein Bedürfnis danach haben - und dieses Bedürfnis ist normalerweise darauf zurückzuführen, dass sie sich (bewusst oder unbewusst) an die ersten drei Schritte meines Exzellenzzyklus gehalten haben.

Der vierte Schritt besteht darin, mit aller Kraft auf ein schwer erreichbares Ziel hinzuarbeiten. Das kann manchmal schon ein hartes Stück Arbeit sein; doch wenn Sie sich mit Ihrer Aufgabe innerlich verbunden fühlen und sich dieses Ziel sogar teilweise selbst gesetzt haben, werden Sie auch das nötige Durchhaltevermögen aufbringen. Der Weg zur Exzellenz ist mit Mühsal und Schmerzen gepflastert. Doch dabei handelt es sich um positiven Stress, wie Eric Kandel gezeigt hat, der im Jahr 2000 zusammen mit zwei weiteren Wissenschaftlern für seine Entdeckung eines Phänomens namens "synaptische Plastizität" den Nobelpreis für Medizin erhielt. Nehmen wir an, Sie versuchen sich eine Telefonnummer zu merken. Zunächst müssen Sie sich diese Nummer aufschreiben. Die am Erlernen der Nummer beteiligten Nervenzellen feuern einen Neurotransmitter (Glutamat), um den Lernprozess in Gang zu setzen. Wenn Sie die Nummer danach nie wieder wählen, verändert sich nichts in Ihrem Gehirn. Doch wenn Sie sich bemühen, sich die Nummer einzuprägen, vergrößern sich die Synapsen, und die Verbindungen zwischen den an diesem Vorgang beteiligten Nervenzellen festigen sich. Denn Synapsen sind, um es in der wissenschaftlichen Fachsprache auszudrücken, plastisch. Wenn Sie Ihr Gehirn auf diese Weise unter Stress setzen, werden schwierigere Aufgaben aufgrund dieser sich verstärkenden neuronalen Pfade mit der Zeit immer leichter. Denn Neuronen, die gemeinsam feuern, "verdrahten" sich auch miteinander. Deshalb führt Übung (die im neurologischen Sinn nichts anderes ist als wiederholtes Feuern von Nervenzellen) mit der Zeit zu immer besseren Leistungen.

Wenn das Gehirn positiven Stress erlebt, werden schwere Aufgaben mit der Zeit immer leichter.
Karsten Petrat

Wenn das Gehirn positiven Stress erlebt, werden schwere Aufgaben mit der Zeit immer leichter.

Sie werden froh sein, dass Sie durchgehalten haben

Das bedeutet harte Arbeit. Manchmal werden Sie vielleicht Lust haben, Ihren Schreibtisch zu zertrümmern oder einfach das Handtuch zu werfen. Aber wenn Sie es geschafft haben, wird Ihr Gehirn gestärkt daraus hervorgehen, und Sie werden froh darüber sein, dass Sie durchgehalten haben. James Loehr, einer der führenden Experten zum Thema Spitzenleistungen, hat das einmal folgendermaßen ausgedrückt: "Stress ist nicht unser Feind. Ganz im Gegenteil: Paradoxerweise ist er sogar der Schlüssel zu innerem Wachstum."

Negativen Stress hingegen kann man auf Dauer nicht durchhalten, ohne Schaden zu nehmen. Dieser Stress entsteht ungeplant, unkontrolliert, übersteigt die Fähigkeiten unseres Systems, sich darauf einzustellen, und lässt uns keine Zeit, um uns auszuruhen und zu regenerieren. Außerdem wirkt er sich negativ auf die Gehirnfunktion aus. Adam Galinsky von der Kellogg School und holländische Wissenschaftler haben gezeigt, dass die exekutiven Funktionen eines Menschen, der sich in seiner Macht und Kontrolle über sein Leben beschnitten fühlt, darunter spürbar leiden.

Dieser toxische Stress wird normalerweise von außen an uns herangetragen - zum Beispiel aus der Natur in Form des Wetters, aus der menschlichen Physiologie in Form von Krankheiten und aus dem Geschäftsleben in Form von Wirtschaftskrisen oder einem unangenehmen Chef. Doch manchmal treibt man sich im Streben nach überdurchschnittlichen Leistungen auch selbst in solche negativen Stresssituationen hinein. Das sollten Sie unbedingt vermeiden, denn toxischer Stress ist tödlich. Er macht nicht nur jede gute Arbeit zunichte, sondern zerstört auch Gehirn- und Herzmuskelzellen - und letzten Endes den Menschen selbst. In einer holländischen Studie aus dem Jahr 2010 erhöhten hohe Kortisolspiegel im Urin (Kortisol ist ein körpereigenes "Stresshormon") bei den über 800 untersuchten Probanden das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, um das Fünffache.

Um sich und Ihr Leben richtig zu managen, sollten Sie sich also um positiven Stress in Form von überwindbaren Herausforderungen bemühen, negativen Stress aber zu vermeiden versuchen. Einer meiner Patienten arbeitete zusammen mit einem Team von Programmierern an der Entwicklung einer neuen Software, die bis zu einem bestimmten Termin fertig sein musste. Als dieser Termin allmählich immer näher rückte, begann sich in dem Team toxischer Stress auszubreiten. Die Mitarbeiter waren besorgt und frustriert, machten immer mehr Überstunden und arbeiteten immer härter, aber weniger effektiv - bis mein Patient schließlich einen Warnpfiff ausstieß: Er hat tatsächlich zwei Finger in den Mund gesteckt und einmal laut und schrill gepfiffen. "Kommt schon, Leute", hat er gesagt, "wir müssen uns anders organisieren, um diese Aufgabe rechtzeitig hinzubekommen." Daraufhin beriefen sie eine Blitzkonferenz ein, legten ihre nächsten Schritte fest, und es gelang ihnen, das Projekt sogar noch vor dem vereinbarten Termin abzuschließen. Diese Leute haben ihren toxischen Stress reduziert, indem sie zunächst einmal aufeinander zugingen (eine meiner wichtigsten Spielregeln: Mach' dir niemals allein über irgendetwas Sorgen) und dann einen Plan ausformulierten. So gewannen sie ihr Gefühl der Macht und Kontrolle über die Situation zurück.

Anerkennung genießen

Durch den Kampf mit einer Herausforderung entwickelt man sich weiter und macht Fortschritte. Der letzte Schritt meines Exzellenzzyklus sollte in der Anerkennung Ihrer Leistungen bestehen. Dass Anerkennung eine elementare Voraussetzung für optimale Leistungen ist, weiß man schon seit Langem. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Anerkennung. Auf neurochemischer Ebene führt Lob normalerweise dazu, dass unser Gehirn Dopamin ausschüttet, einen Neurotransmitter, der mit Genuss und Wohlbefinden einhergeht. Deshalb fühlen wir uns körperlich so gut, wenn wir gelobt werden. Auf sozialer Ebene erfüllt Lob das typisch menschliche Bedürfnis zu dienen, einen Wert zu haben, eine Rolle zu spielen. Das sind erwiesene Tatsachen; neu dagegen ist unsere zunehmende Entfremdung von unserem Arbeitsplatz, durch die uns weniger Anerkennung zuteil wird, obwohl wir sie gerade jetzt besonders dringend brauchen würden.

Heutzutage werden berufliche Aufgaben so schnell erledigt, und es sind so viele "virtuelle Mitarbeiter" daran beteiligt, dass es für einen Manager oft schwierig ist, einzelne Leute lobend hervorzuheben, selbst wenn diese ein besonderes Lob verdient haben. Denken Sie in Ihrem Umgang mit Kollegen künftig daran.

Und was noch wichtiger ist: Wenn Sie schwierige Aufgaben bewältigen und sich dadurch weiterentwickeln, aber trotzdem keine Anerkennung von Ihrem Unternehmen erhalten, machen Sie den Mund auf, und sagen Sie etwas. Fordern Sie Ihr Recht auf Anerkennung ein. Und wenn es zur Unternehmenskultur Ihres Arbeitgebers gehört, den Mitarbeitern grundsätzlich kein Lob zuteil werden zu lassen, überlegen Sie sich, ob Sie sich nicht vielleicht doch lieber eine andere Stellung suchen sollten. Anerkennung ist das letzte Glied im Exzellenzzyklus, das Sie dazu motivieren wird, sich noch intensiver um Spitzenleistungen zu bemühen.

Zum Autor
Edward M. Hallowell ist Psychiater, Begründer der Hallowell Center in Sudbury, Massachusetts, und New York. Er ist ein gefragter Experte für das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt.

Artikel
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