Der Weg zum perfekten Job

Heft 1/2011

2. Teil: Der richtige Beruf bestimmt den Erfolg

Sorgfältig wählen

Millionen Menschen mühen sich tagtäglich in den falschen Jobs ab. Sie möchten keine Probleme verursachen (oder womöglich gar den Verlust ihrer Stellung riskieren), indem sie sich darüber beklagen; also tun sie einfach stillschweigend, was man ihnen sagt. Ich habe schon Hunderte erwachsener Klienten beraten, die mich um Tipps baten, wie sie ihr Berufsleben positiver gestalten könnten. Und ich habe diesen Leuten immer wieder gesagt, dass sie erst einmal den richtigen Beruf finden müssen. In einem Übersichtsartikel aus dem Jahr 2004 über den Stand der Forschung zu den Fragen, wie Menschen zu einer Organisation passen und wie Menschen zu ihrer Arbeit passen, ist Tomoki Sekiguchi zu dem Ergebnis gekommen, dass die Menschen zufriedener mit ihrer Arbeit sind, weniger Stress erleben, sich seltener krank melden und bessere Leistungen erbringen, wenn ihr Beruf und das Unternehmen, in dem sie arbeiten, gut zu ihnen passen. Und bei meiner Arbeit mit Patienten habe ich die Erfahrung gemacht, dass der richtige Beruf Erfolg und Wohlbefinden ebenso sehr bestimmt wie die Wahl des richtigen Partners.

Nichts wirkt so elektrisierend auf Mitarbeiter wie die Arbeit in einem Team, dessen Mitglieder gut harmonieren.
Karsten Petrat

Nichts wirkt so elektrisierend auf Mitarbeiter wie die Arbeit in einem Team, dessen Mitglieder gut harmonieren.

Ihr Ziel sollte darin bestehen, den größten Teil Ihrer Arbeitszeit an der Schnittstelle zwischen drei Bereichen zu verbringen: was Sie gern tun, was Sie am besten können und wodurch Sie einen Mehrwert für Ihr Unternehmen schaffen können. Es gibt verschiedene psychologische Tests, mit deren Hilfe man herausfinden kann, welcher Beruf am besten zu einem passt. Aber dieses Ziel lässt sich auch durch die Beantwortung einer Reihe von Fragen erreichen, die ich zu diesem Zweck entwickelt habe (siehe Kasten unten). Falls sich aus Ihren Antworten ergibt, dass Ihr Beruf nicht der richtige für Sie ist, sollten Sie vielleicht einmal mit Ihrem Vorgesetzten darüber sprechen, ob er Ihnen nicht ein anderes Aufgabengebiet zuweisen kann. Im Extremfall könnten Sie überlegen, die Stellung zu wechseln oder sich vielleicht sogar einen ganz anderen Beruf zu suchen.

Vor Kurzem beriet ich eine Frau, die das Gefühl hatte, in ihrem Job im Kundendienst total festgefahren zu sein. Die Tätigkeit ihrer Mitarbeiter bestand hauptsächlich aus Telefonaten mit Kunden, und sie hasste es, sich mit den ständigen Konflikten auseinandersetzen zu müssen, die sich aus den Kundenreklamationen ergaben. Ich empfahl ihr, mit ihrem Chef zu besprechen, ob diese Arbeit wirklich zu ihr passte. Der Chef nahm ihre Initiative positiv auf und übertrug ihr daraufhin ein Aufgabengebiet im Bereich der Marktforschung, das ihr sehr viel besser gefällt als ihre frühere Tätigkeit im Kundendienst. Durch diese einfache Maßnahme ist der Frau möglicherweise eine jahrelange psychotherapeutische Behandlung und die Einnahme von Antidepressiva erspart geblieben.

Kontakte pflegen

Jeder Mensch braucht den Kontakt zu einem anderen Menschen, einer Gruppe oder irgendetwas anderem, womit er sich verbunden fühlt und was in ihm Loyalität, Begeisterung, Inspiration, Wohlbefinden und die Bereitschaft weckt, Opfer zu bringen. Nichts wirkt so elektrisierend auf Menschen wie die Arbeit in einem Team, dessen Mitglieder einen guten Draht zueinander haben. Aber leider werden solche positiven Kontakte im Geschäftsleben immer seltener. Oft arbeiten Kollegen ein und desselben Unternehmens in anderen Städten, anderen Ländern oder sogar Kontinenten; und dank unserer modernen Technologien sprechen selbst Mitarbeiter, die im selben Gebäude tätig sind, manchmal monate- oder jahrelang nicht persönlich miteinander. Außerdem hat die jüngste Wirtschaftskrise ein Klima der Angst und des Misstrauens geschaffen. Deshalb nimmt die Entfremdung der Menschen von ihrer Arbeit und ihren Chefs (eine der Hauptursachen für schwache Leistungen und Depressionen) immer mehr zu, und das kann weitreichende personelle Konsequenzen haben.

Haben Sie den richtigen Beruf?
Mithilfe des folgenden Fragesets können Sie herausfinden, ob Sie wirklich das tun, was Sie gern tun, am besten können und womit Sie einen Mehrwert für Ihr Unternehmen schaffen. Wenn nicht, sollten Sie überlegen, ob Sie sich ein anderes Aufgabengebiet zuteilen lassen – oder sich vielleicht sogar nach einer anderen Stellung oder beruflichen Tätigkeit umsehen.

Hier geht es zu den Fragesets.

So hat eine aktuelle Studie, die unter rund 20.000 Angestellten in verschiedensten Berufen in Schweden, Finnland, Deutschland, Polen und Italien durchgeführt wurde, ergeben, dass Mitarbeiter, die kein gutes Verhältnis zu ihren Vorgesetzten hatten, häufiger krank wurden, am Arbeitsplatz fehlten oder sogar einen Herzinfarkt erlitten. Im Jahr 2007 von Gallup veröffentlichte Daten zeigen dagegen, dass sich Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz einen sehr guten Freund haben, siebenmal häufiger durch eine positive Einstellung zu ihrem Job auszeichnen.

Eine solche Einstellung fördert, wie wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, auch die Leistung. Und sie entsteht durch ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Arbeitsplatz und den Kollegen. Stabile, tragfähige Beziehungen im Job aufzubauen sollte für Sie also oberste Priorität haben. Auf den ersten Blick scheint Small Talk etwas Banales zu sein; doch er zahlt sich aus, denn dadurch entstehen Vertrauen und Zugehörigkeitsgefühl. Also gehen Sie auf Ihre Kollegen zu. Schenken Sie jedem Einzelnen Ihre Aufmerksamkeit. Zollen Sie auch den Leistungen der Mitarbeiter in der Cafeteria oder der Wartungsabteilung Ihres Unternehmens Ihre Anerkennung. Achten Sie auf persönliche Details wie beispielsweise ein neues Kleid oder einen traurigen Gesichtsausdruck. Und vor allem: Seien Sie authentisch. Bringen Sie sich in jede Interaktion mit Ihren Mitarbeitern und Kollegen voll und ganz ein.

Führungskräfte investieren oft ungeheuer viel Mühe, Zeit und Ressourcen, um ihren Mitarbeitern die Mission des Unternehmens nahezubringen. Doch positive zwischenmenschliche Beziehungen sind viel wichtiger. Wenn Sie sich darauf freuen, zur Arbeit zu gehen, spielt es gar keine Rolle, wofür Sie sich an Ihrem Arbeitsplatz einsetzen. Die Soldaten im Schützengraben kämpfen im Eifer des Gefechts auch nicht für die Freiheit oder für ihr Land, sondern füreinander.

Wenn mir jemand sagt, dass er für so intensive, persönliche Kontakte einfach keine Zeit habe, erzähle ich immer gern die Geschichte von meinem Freund Joe Loscalzo. Joe ist Professor an der Harvard Medical School, Chefarzt am Brigham and Women's Hospital in Boston, Wissenschaftler, Chefredakteur der kardiologischen Fachzeitschrift "Circulation", und gleichzeitig leitet er noch eine gut besuchte Arztpraxis.

Ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der einen noch volleren Terminkalender hat als dieser Mann; trotzdem nimmt er sich für jeden Termin mit einem seiner Mitarbeiter mindestens eine halbe Stunde Zeit. "Die Leute gehen stillschweigend davon aus, dass man zu beschäftigt ist, um sich mit ihnen zu unterhalten", sagt Joe. "Ich glaube nicht, dass das eine gute Art ist, miteinander zu arbeiten." Wenn ein Gesprächspartner sein Anliegen schon nach einer knappen Viertelstunde vorgetragen hat, freut er sich darüber: "Denn dann können wir uns über die Dinge unterhalten, auf die es wirklich ankommt", erklärt Joe. Aber er tut das nicht nur, um seinen Mitarbeitern entgegenzukommen, sondern er denkt dabei auch ganz egoistisch an sich selbst: Seine Arbeit macht ihm nicht zuletzt deshalb so viel Spaß, weil er seine Mitarbeiter so gut kennt. Echte Verbundenheit und Zusammengehörigkeit ist keine Einbahnstraße, sondern eine Win-win-Situation, von der alle Beteiligten profitieren.

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