Werden die Mitarbeiter gerecht beurteilt?

Heft 9/2010

5. Teil: Eine dunkle Stunde

Am Abend, zu Hause angekommen, holte Doris Schuler den Stapel mit den Bewertungsbogen der Mitarbeitergespräche heraus, die sie drei Wochen zuvor abgeschlossen hatte. Da der Jahresbeginn anstrengend gewesen war, hatte sie ihre Beurteilungen schon fast wieder vergessen. Nun ging sie alle noch einmal durch.

In den vergangenen Jahren war es immer schwerer geworden, vor den Weihnachtsferien genügend Zeit für die ausführlichen Mitarbeitergespräche zu finden. Aber sie fand, dass die jungen Berater einen Anspruch darauf hatten, rechtzeitig ein Feedback über ihre Leistungen zu erhalten. Sie ging die Bewertungen durch, aber sie konnte niemanden entdecken, den sie mit einem C würde beurteilen wollen.

Selbst Peter Schmidt, der vor zwei Jahren zu Core gekommen war, hatte seine Leistung deutlich gesteigert. Er hatte allerdings mitunter noch Schwierigkeiten damit, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, und geriet gelegentlich in Panik, wenn er einen Projektbericht schreiben und parallel schon das nächste Projekt angehen musste.

Doch in den vergangenen drei Monaten hatte er an zwei Teameinsätzen teilgenommen, und Schuler hatte versucht, ihn möglichst viel selbst machen zu lassen. Sie hoffte, ihm bald die eigenständige Leitung eines Serviceprojekts übertragen zu können. Zwar hatte sie den Mitarbeitern noch keine Gesamtnote mitgeteilt, aber allen ein deutlich positives Feedback gegeben. Zweifellos erwarteten sie jetzt eine Steigerung oder zumindest die gleiche Bewertung wie im Jahr zuvor. Wie sollte sie ihnen das Ganze erklären?

Schuler legte die Unterlagen mit einem Seufzer zur Seite. Dann dachte sie noch einmal über ihre eigenen Leistungen nach. Sie hatte im vergangenen Jahr selbst mehr als 120 Tage an Kundenaufträgen gearbeitet. Das Schreiben der Berichte, die Planung und Vorbereitung dieser Termine - ganz zu schweigen von der Zeit, die sie für die Führung und Weiterentwicklung ihrer Mitarbeiter aufgewendet hatte, Hunderte von E-Mails. Der Arbeitstag hätte eigentlich 24 Stunden haben müssen, um alles zu erledigen.

Sie wusste es nicht genau, aber sie war sich sehr sicher, dass es keinem ihrer Kollegen und Mitarbeiter anders ging. Man lernte mit der Zeit, den Kopf irgendwie über Wasser zu halten. Sie liebte dieses anspruchsvolle, schnelle Projektgeschäft. Dass sie den Kunden wirklich helfen und mit ihren Teams für die Firma einige weitere millionenschwere Aufträge akquirieren konnte - das machte ihr Freude. Es gab ihr mitunter sogar einen richtigen Kick. Aber nun fragte sie sich, ob es das alles wirklich wert war.

Doris Schuler sah erst jetzt, dass der Anrufbeantworter im Flur blinkte. Allzu oft war dies in letzter Zeit nicht mehr der Fall gewesen. Es war ihre Schwester aus Braunschweig. Sie hörte die durchdringende, helle Stimme: "Doris? Doris? Bist du da? Nie ist diese Frau daheim. Wo treibst du dich schon wieder herum? Hast du einen neuen Freund, von dem ich nichts weiß? Melde dich mal."

Schuler spürte plötzlich einen Kloß im Hals. Ihre kleine Schwester hatte sie mit ihrer Unbekümmertheit genau auf dem falschen Fuß erwischt. War ihr Privatleben im vergangenen Jahr nicht wirklich ziemlich mau gewesen?

Nein, das war es nicht. Sie hatte das Jahr, das so schnell vergangen war wie kaum eines zuvor, als spannend und ausgefüllt erlebt. Warum sollte sich ihre Stimmung nun plötzlich ändern, nur weil in irgendeiner Bewertungsskala jetzt Buchstaben standen statt Zahlen?

Sie stellte sich vor den Spiegel und sagte zu sich: "Meine Arbeit ist erstklassig. Die Kunden sind mit meinen Leistungen zufrieden. Ob sie A oder B dazu sagen, ist mir vollkommen egal." Sie versuchte zu lächeln. Doch es ließ sich nicht leugnen: Der Buchstabe B ruinierte ihr nachhaltig die Laune.

Wie soll Doris Schuler mit den neuen Anforderungen an die Personalbewertung umgehen?

Diskutieren Sie mit und lesen Sie im aktuellen Harvard Business Manager ( Ausgabe 09/2010), welchen Rat unsere Experten geben.

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