Werden die Mitarbeiter gerecht beurteilt?

Heft 9/2010

4. Teil: Über den grünen Klee gelobt

"Entlassungen sind überhaupt kein Thema", versuchte Mingus sie zu beruhigen. "Die C-Mitarbeiter sollen mit einem noch zu entwickelnden einheitlichen Trainingsprogramm für beide Firmen begleitet werden."

Doris Schuler war mit dieser Antwort immer noch nicht zufrieden: "Es ist so: Ich habe schlicht und einfach keinen C-Mitarbeiter mehr, und ich kann auch auf keinen einzigen aus meinem Team verzichten. Es ist übrigens wirklich nicht mein Problem, dass es in diesem Unternehmen anscheinend niemand schafft, seine Personalgespräche wie vorgesehen vor Weihnachten zu führen. Ich habe meine rechtzeitig geführt und die Unterlagen pünktlich vorgelegt. Und nun soll ich akzeptieren, dass John mittendrin die Regeln ändert?"

Schlechtere Gesamtnote bei gleicher Leistung? Geht die neue Note in die Personalakte ein, bleibt dies nicht ohne Folgen
Jakob Hinrichs

Schlechtere Gesamtnote bei gleicher Leistung? Geht die neue Note in die Personalakte ein, bleibt dies nicht ohne Folgen

"Ja. Mir ist es im Übrigen auch nicht anders ergangen. John hat auch meine Bewertung für dich nicht akzeptiert. Du bekommst nicht ein A, so wie ich vorgeschlagen habe, sondern ein B. Allerdings mit einem Plus davor."

"Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?"

Mingus druckste herum. "John weiß, dass du eine hervorragende Leistung bringst, aber er sieht sie durchaus im Rahmen dessen, was man von einem Servicearchitekten in deiner Position erwarten kann."

"Er bekommt vieles doch gar nicht mit. Ich will mich nicht beschweren, aber ich sage ja noch nicht einmal dir, was an diesen ganzen Projekten noch alles an Arbeit hängt. Wenn ich damit anfangen würde, dich - wie manche anderen das anscheinend machen - über jeden kleinen Projektfortschritt zu informieren oder dich über jede Extrastunde, die ich zur Rettung eines Kunden oder zum Coachen eines Mitarbeiters investiere, in Kenntnis zu setzen, kämest du bald nicht mehr zum Arbeiten."

Mingus legte Schuler eine Hand auf den Arm. "Es tut mir leid. Ich habe dich wirklich über den grünen Klee gelobt. Aber er hat es schlicht und einfach nicht akzeptiert. Er sagt, wir könnten nun einmal nicht jedem ein A geben, auch wenn wir es gern tun würden. Er steht stark unter Druck. Wir müssen uns extrem bemühen, um die anvisierten Wachstumsziele zu erreichen, und gleichzeitig Kosten sparen. Es muss also noch Luft nach oben bleiben.

Noch mal: Der Bonus für dieses Jahr wird unabhängig davon unvermindert ausgezahlt, denn die Zielerreichung ist unverändert. Ebenso bleibt alles, was in deinem Beurteilungsbogen steht, dem Wortlaut nach gleich. Die Gesamtnote, die sozusagen über all dem steht, ist doch im Grunde nur eine Formsache."

Doris Schuler schüttelte den Kopf. "Du weißt, dass das nicht stimmt. Das B steht dann in meiner Personalakte und wird die Bewertung und meine Ziele im nächsten Jahr beeinflussen. Und wie stehe ich vor meinen Mitarbeitern da? Nein, Johannes. Ich bin wirklich sehr enttäuscht. Kannst du noch einmal mit John sprechen?"

"Ich versuche es. Aber mach dir nicht zu viele Hoffnungen. Ich glaube nicht, dass er nachgeben wird."

Schuler atmete hörbar ein und wandte sich zur Tür. Den Türgriff schon in der Hand, drehte sie sich noch einmal um und sagte: "Na, ich hoffe mal, dass er wenigstens dir ein A gibt." Sie zwinkerte Mingus zu. "Man kann sich ja heute anscheinend bei vielen Dingen nicht mehr so sicher sein."

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