Werden die Mitarbeiter gerecht beurteilt?

Heft 9/2010

3. Teil: Dreht sich der Wind?

Schuler nahm einen zweiten Anlauf: "Hör mal, Johannes. Du weißt so gut wie ich, dass die Leistungsbewertungen der amerikanischen und der deutschen Kollegen nicht vergleichbar sind. Wir haben zum Beispiel ganz unterschiedliche Ziele. Unsere Aufgabenbereiche sind - um es vorsichtig auszudrücken - ein wenig komplexer."

Johannes Mingus schwieg. Dann sagte er: "Meinst du nicht, dass John die Unterschiede kennt? Doris, ich verstehe deine Einwände. Aber ich kann es nur so weitergeben, wie John es gesagt hat. Er möchte einfach gern, dass Core und Moon möglichst schnell zusammenwachsen, und ein wichtiger Teil des Integrationsprozesses ist es seiner Meinung nach, nicht nur ein formal einheitliches Leistungsbewertungssystem zu haben, sondern es auch wirklich einheitlich und gerecht anzuwenden."

"Na, aber gerecht kann ja nicht heißen, dass die Mitarbeiter heruntergestuft werden, oder?"

Mingus legte die Fingerspitzen aneinander und neigte den Kopf nach links. "Es ist letztlich nur eine Formsache. Eine niedrigere Einstufung hat, wie du weißt, auch keinen Einfluss auf die Höhe der Prämie. Dieses Jahr werden wir sogar noch einmal eine Rekordsumme auszahlen. In der nächsten Bewertungsrunde relativiert sich wieder alles, weil die Ausgangsbasis dann für alle die gleiche ist."

Doris Schuler schüttelte erneut erstaunt den Kopf. "Du weißt doch, dass mein Team und ich unsere Leistungen in den vergangenen drei Jahren enorm gesteigert haben. Wenn John die Übersicht über alle laufenden und abgeschlossenen Kundenprojekte zur Kenntnis genommen hat, dann wird ihm vielleicht aufgefallen sein, dass wir mehr Projekte stemmen und akquirieren denn je - übrigens solche, die für das Geschäft der Kunden entscheidend sind -, und das mit tendenziell immer weniger Mitarbeitern.

Das Arbeitsvolumen und die Zahl der beim Kunden verbrachten Tage hat sich um fast ein Drittel erhöht. Ich weiß ehrlich gesagt manchmal nicht mehr, wie lange ich meine Projekte überhaupt noch - geschweige denn optimal - besetzen kann. Es darf möglichst niemand mehr krank werden. Diese Leistungssteigerung mit immer weniger Leuten war nur möglich, weil ich systematisch daran gearbeitet habe, meine Mitarbeiter zu motivieren und zu fördern. Jeder Einzelne von ihnen hat sich in den drei Jahren, seit ich hier bin, enorm weiterentwickelt, ganz besonders im vergangenen Jahr. Wie also stellt John sich das vor? Soll ich meinen Leuten sagen: Tut mir leid, ihr seid zwar besser geworden im Vergleich zum letzten Jahr und habt euch toll angestrengt, aber dafür bekommt ihr jetzt ein C statt ein B?"

Mingus sah auf seinen Stift, den er in der Hand hin- und herdrehte. "Das weiß ich doch alles, Doris. Es geht nicht darum, die in der Vergangenheit erbrachten Leistungen zu entwerten. John will einfach noch weitaus ehrgeizigere Ziele stecken und umsetzen. Und deshalb hält er es für notwendig, dass alle Führungskräfte auch tatsächlich im Rahmen einer Normalverteilung bewerten und sich nicht vor einer kritischen Bewertung drücken."

"Normalverteilung ...", Schuler legte ihre Stirn in Falten. "Wenn ich einigen meiner Mitarbeiter nun auf einmal ein C gebe, würde das bedeuten, dass sie in das Low-Performer-Programm kommen? Was das heißt, weißt du. Nicht zuletzt einen Platz auf der potenziellen Abschussliste."

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