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Heft 6/2010: Der globale Manager | 14.07.2010

Fallstudie

"Firma oder Familie was ist wichtiger?" - Was Experten raten

Der Chef eines Fahrradherstellers will das soziale Engagement seines Unternehmens darauf konzentrieren, ein Heilmittel gegen die Krankheit seiner Tochter zu finden. Die Mitarbeiter sollen dafür sogar auf einen Teil ihrer Boni verzichten. Handelt er im Sinne seiner Firma? Lesen Sie, was die Experten raten.

Peter May, Honorarprofessor an der WHU

Familienunternehmen haben einen ganz großen Vorteil und einen ganz großen Nachteil: die Familie. Auf der einen Seite denkt sie meist langfristiger und bleibt ihren Werten eher treu als die Manager einer Pub likumsgesellschaft. Da der Inhaber einen dominierenden Einfluss hat, steht er auf der anderen Seite immer vor der großen Herausforderung, Privatsphäre und Unternehmenssphäre klar von einander zu trennen - obwohl sie über ihn als Person untrennbar miteinander verbunden sind. Das gelingt nicht immer.

"Weil der Familienunternehmer quasi Allmacht besitzt, ist von ihm kluge Selbst- beschränkung gefordert. Diesen Anspruch erfüllt Gino Duncan in keiner Weise."

Weil der Familienunternehmer quasi Allmacht besitzt, ist von ihm kluge Selbstbeschränkung gefordert. Diesen Anspruch erfüllt Unternehmenschef Gino Duncan in keiner Weise. Er wird seiner Verantwortung gegenüber den anderen Anteilseignern nicht gerecht - und auch nicht der gegenüber Interessengruppen wie den Mitarbeitern. Sie dürfen nicht für seine privaten Zwecke, so wichtig und nachvollziehbar diese auch sein mögen, in Haftung genommen werden.

Duncan hat die gebotene Grenze klar überschritten und Privates mit Unternehmerischem unzulässig vermischt. Aus Sicht des Unternehmens ist kein plausibler Grund erkennbar, warum es den Kampf gegen die seltene Krankheit seiner Tochter fördern sollte. Ein Zusammenhang mit dem Geschäftzweck von DMBC fehlt. Das ist ein großer Unterschied zu der Aktion "Ride for Life", die einen klaren Bezug zum Produkt Fahrrad hat.

Nun können Unternehmen natürlich auch gemeinnützig handeln, ohne dass es unmittelbar dem Geschäft dient. Doch die Verantwortlichen sollten dann sensibel prüfen, ob das Engagement zur Organisation passt, und sich mit Anteilseignern und Interessengruppen abstimmen. Duncan darf und sollte den Kampf gegen VSS fördern - das ist sein gutes Recht. Er sollte es aber ausschließlich mit seinen privaten Mitteln tun.

Personalchefin Carolyn Bridges sollte ihn in einem weiteren Gespräch freundlich, aber bestimmt auf seinen Fehler hinweisen - auch wenn das einiges an Zivilcourage erfordert. Den Board als Aufsichtsgremium sollte sie nur einschalten, wenn sie damit rechnen kann, dass er sich auch wirklich gegen Duncan durchsetzen wird. Das ist nicht einfach, weil Duncan nun einmal wichtigster Anteilseigner ist und diese Karte spielen kann. Sie wird das Thema nicht über Macht regeln können, sondern nur durch Überzeugung. Kommt sie bei ihm nicht weiter, sollte sie Verbündete suchen, die einen vernünftigen Einfluss auf Duncan haben, wie etwa Finanzchef Jim Miniter.

PETER MAY

Peter May hat die Intes Akademie für Familienunternehmen in Bonn gegründet. Er lehrt als Honorarprofessor an der WHU – Otto Beisheim School in Vallendar und leitete mehrere Jahre das eigene Familienunternehmen.

Hat sie damit keinen Erfolg, bleibt ihr kaum eine andere Alternative, als sich einen neuen Arbeitgeber mit einem anderen Wertesystem zu suchen. Denn wenn Duncan in diesem Fall Privat- und Unternehmenssphäre nicht sauber trennt, kann das morgen wieder der Fall sein, wenn er etwa einen unfähigen Sohn oder anderen Verwandten zu seinem Nachfolger macht. Ein Instrument, für eine klare Trennung von Familie und Unternehmen zu sorgen, ist ein freiwilliger Beirat. Wir empfehlen, diesen bereits in der Gründungsphase einer Firma einzurichten.

In dem Gremium sollten unabhängige Menschen sitzen, die sich als Gralshüter der Prinzipien und Werte des Unternehmens verstehen. Sie sollten dem Familienunternehmer den Spiegel vorhalten und ihn an die Einhaltung der Regeln für gute Unternehmensführung erinnern. Gelingt ihnen das nicht, wird letztlich nur der Markt ein derartiges Unternehmen bestrafen können.

Blättern: Teil 1 / 3

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