"Zurück zum alten Arbeitgeber?" - Was Experten raten

Fallstudie:

Von Eric J. McNulty

Nikolaus Lange, Entwicklungsleiter von Intel Deutschland

Liane Angerer steht hier nicht vor einer Entscheidung, sondern gleich vor zweien: Will ich wirklich raus aus meiner Selbstständigkeit, in der ich nur halb gefordert bin, und wieder zurück in die Produktentwicklung? Und wenn die Antwort Ja lautet: Gehe ich zurück zu Momotronic oder lieber zu einem anderen Arbeitgeber?

Nach all den Jahren mit ihrem Internetradio reizt sie die Produktentwicklung noch immer. Da ist noch Biss, da ist noch Hunger in ihr - und dem sollte sie ruhig nachgeben. Ihr Ausstieg bei Momotronic hatte ja weniger mit der Aufgabe selbst zu tun, sondern war eine emotionale Trotzreaktion auf die Entscheidung der Geschäftsführung, ihr Projekt Knall auf Fall einzustellen.

Deshalb ist es für sie auch eine große Genugtuung, als der CEO anruft und zugibt, dass er damals einen Fehler gemacht hat. Aber ein solcher Karrierewechsel wie der, den ihr Stefan Schiwon anbietet, muss sich auf bessere Argumente stützen als nur auf die pure Genugtuung. Immerhin sind damals einige Dinge schiefgegangen, die sie heute noch belasten. Doch das ist fünf Jahre her, das ist Historie, mit der sie spätestens jetzt abschließen sollte.

Ich glaube, es wäre ein Fehler, wieder bei Momotronic einzusteigen. In der Produktentwicklung gibt es ja keine Maschinen; da geht es vor allen Dingen um die Köpfe, um Kreativität. Wer dort arbeitet, muss im Team funktionieren. Und es ist ja schon zweifelhaft, ob die Zusammenarbeit mit dem CEO funktionieren wird. Ich sehe bei ihm keine Anzeichen dafür, dass er sich wirklich geändert hat. Im Nachhinein einen offensichtlichen Fehler zuzugeben ist einfach. Aber ich vermisse einen Beleg dafür, dass Stefan Schiwon den gleichen Fehler nicht wieder machen wird. Würde er Liane Angerer in Zukunft wirklich in einer kritischen Situation unterstützen, wo er doch schon beim letzten Mal gekniffen hat?

Es liegt in der Natur der Produktentwicklung, dass ein Projekt immer länger dauern und teurer werden kann als geplant. Hinterher sind natürlich alle vom Ergebnis überzeugt und überschlagen sich mit Lob. Aber offenbar fehlt dem CEO von Momotronic die Fähigkeit, bis dahin auch mal Schwierigkeiten durchzustehen und dem Entwicklungsteam zu signalisieren: Wir wissen, dass es lange dauert und viel Geld kosten wird, aber wir stehen dazu, weil wir an den Erfolg glauben. Früher oder später kommt die nächste Krise, und ich fürchte, dass Schiwon dann wieder genau so handeln wird wie beim Entwicklungsstopp des Librix.

Das zweite Problem neben dem CEO sind die ehemaligen Kollegen im Team. Alte Kollegen verfallen automatisch in alte Muster und alte Rollen. Das Bild von Liane Angerer bei Momotronic ist bereits geprägt, und es wird schwer für sie, dieses Bild zu korrigieren. Sie muss sogar aufpassen, dass sie nicht wieder in ihr altes Rollenverhalten hineinfällt, sich also kollegial gibt, wo sie als Chefin durchgreifen müsste.

Anders läge die Situation, wenn der CEO ihr signalisierte, dass sie mit einem ganz neuen Team starten kann, ohne irgendwelche Altlasten. Das wäre eine starke Maßnahme, ein Zeichen dafür, dass Schiwon es ernst meint mit dem Neuanfang. Aber was bietet er ihr an? Ein paar Euro mehr als früher und Gleitzeit in einem Job, in dem man sowieso 200 Prozent geben muss. Das sieht mir nicht gerade nach einem starken Commitment aus.

Wenn ich mir all diese Knackpunkte anschaue, gibt es für mich nur einen Schluss: Liane Angerer muss zurück in die Produktentwicklung, an der ihr Herz immer noch hängt - aber nicht zu ihrem alten Arbeitgeber. Freie Stellen für Produktentwickler gibt es überall, in Tausenden von Unternehmen, und sicherlich auch einige in Stuttgart. Gute Entwickler, kreative Köpfe haben es relativ leicht auf dem Arbeitsmarkt, schließlich gibt es nach wie vor einen Ingenieurmangel in Deutschland.

Liane Angerer sollte jetzt ihr persönliches Netzwerk nutzen und alte Kontakte wieder aufleben lassen. Sie hat ja keinen Zeitdruck. Ob ihre Stellensuche nun einen Monat oder ein Jahr dauert, ist nicht entscheidend. Wichtiger ist, dass ihre neue Stelle all das bietet, was sie sich wünscht: intellektuelle Herausforderung und ein gutes Team, die Unterstützung ihrer Vorgesetzten, eine Stelle in Stuttgart und die Möglichkeit, Job und Familie zu verbinden.

Ich würde ihr empfehlen, vor allem nach Jobs zu suchen, die ihrer alten Stelle nahekommen und realistische Aufstiegschancen bieten. So könnte sie zunächst wieder als Teamleiterin in der Produktentwicklung einsteigen. Liefert sie dort gute Ergebnisse, wird sie bei nächster Gelegenheit in der internen Hierarchie aufsteigen. Das ist ein gesünderer und sichererer Weg hinauf zur Position einer Entwicklungsleiterin als der Schleudersitz, der sie bei Momotronic erwartet.

Es gibt immer eine Alternative, andere Firmen haben auch tolle Jobs. Warum sollte sie ausgerechnet diesen hier annehmen?

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© Harvard Business Manager 5/2010
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