Kostspielige Präsenz

Gesundheitscoaching:

Von Eberhard Ulich und Philip Strasser
Heft 5/2010

Den Krankenstand zu erfassen reicht vielen Unternehmen heutzutage offenbar nicht mehr aus. Stattdessen prüfen sie, wie viele Mitarbeiter anwesend sind. Das Ergebnis bezeichnen sie als Gesundheitsstand. Ob diese Kennzahl viel Aussagekraft hat, ist zu bezweifeln. Denn oft sind Mitarbeiter anwesend, ohne völlig leistungsfähig zu sein - ein Phänomen, das Fachleute als Präsentismus bezeichnen. Dieses Verhalten scheint in deutschen Unternehmen zuzunehmen. 71,2 Prozent der 2009 vom Wissenschaftlichen Institut der AOK befragten 2000 gesetzlich krankenversicherten Arbeitnehmer sagten, sie seien in den Monaten zuvor krank zur Arbeit gegangen. 29,9 Prozent gaben an, dies sogar gegen den Rat ihres Arztes getan zu haben. 70,2 Prozent warteten bis zum Wochenende, um sich auszukurieren. In Zukunft werden Manager - vor allem in alternden Gesellschaften - stärker auf Präsentismus achten müssen, da die Zahl der chronischen Erkrankungen mit zunehmendem Alter steigt. Experten zufolge sind der Präsentismus und seine Folgen künftig das zentrale Problem betrieblicher Gesundheitspolitik.

  Krank zur Arbeit:  Chefs sollten ihren Mitarbeitern diese Verhaltensweise austreiben.
Maren Amini

Krank zur Arbeit: Chefs sollten ihren Mitarbeitern diese Verhaltensweise austreiben.

Was ist Präsentismus?

Im Rahmen einer Studie belegten Wissenschaftler in Großbritannien 2005, welche Folgen Präsentismus für die Betroffenen hat: Sie verglichen männliche Beamte, die drei Jahre lang keine Fehlzeiten aufwiesen, mit Beamten, die während dieser Zeit ein paarmal krankgeschrieben waren. Die erste Gruppe hatte ein doppelt so hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, wie die zweite Gruppe. Noch aussagekräftiger ist eine Untersuchung aus Dänemark. Sie ergab: Arbeitnehmer, die mehr als sechsmal pro Jahr zur Arbeit gegangen waren, obwohl sie nicht gesund waren, hatten gegenüber anderen Arbeitnehmern ein um 74 Prozent höheres Risiko, später länger als zwei Monate auszufallen.

Vermutlich noch bedeutsamer ist die Rolle psychischer Krankheiten, wenn es um Präsentismus geht. 20 bis 30 Prozent aller Erwachsenen leiden internationalen Daten zufolge innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung, etwa einer Depression. Die meisten Menschen mit psychischen Leiden sind nicht dauerhaft krankgeschrieben oder verrentet, sondern berufstätig. Psychische Störungen werden auch von Experten häufig nicht erkannt oder trotz zutreffender Diagnose nicht adäquat behandelt. Es ist davon auszugehen, dass sich manche Betroffenen aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung psychischer Leiden nicht krankschreiben lassen oder sich die Krankheit nicht eingestehen. Dies wird vermutlich insbesondere für Manager gelten.

Die negativen Folgen von Präsentismus können bereits eintreten, bevor sich spezifische Symptome zeigen. Einige Leiden sind zudem schwer fassbar oder erfüllen noch nicht die diagnostischen Kriterien für eine bestimmte Krankheit; sie werden daher nicht entdeckt beziehungsweise korrekt behandelt. Sind Mitarbeiter gestresst und gönnen sich nach Anspannungsphasen keine ausreichende Regeneration, kann ihre Leistungsfähigkeit bereits beeinträchtigt sein. Oft verschlimmert sich ihr Zustand schrittweise und unbemerkt, wenn sie ihre physischen und psychischen Kräfte überschätzen. Zudem scheint sich das Risiko zu erhöhen, dass sie trotz längerer lückenloser Anwesenheit plötzlich für einige Zeit ausfallen.

Warum gehen Mitarbeiter zur Arbeit, obwohl sie krank sind? Wichtigster Grund ist einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2009 zufolge das Pflichtgefühl. Die Betroffenen möchten einen Auftrag oder eine Aufgabe zu Ende führen oder ihr Team nicht im Stich lassen. Eine andere Untersuchung aus dem Jahr 2010 förderte zutage, dass die Furcht vor Arbeitslosigkeit eine große Rolle spielt. Viele Mitarbeiter können nicht zugeben, dass sie nicht voll leistungsfähig sind oder wollen sich selbst volle Leistungsfähigkeit beweisen. Sie möchten zudem die Erwartungen der Vorgesetzten nicht enttäuschen. Manche wollen einer anderen, zum Beispiel familiären Belastung entfliehen. Auch andere Faktoren wie überlange Arbeitszeiten, Schichtarbeit oder Zeitdruck können den Präsentismus begünstigen. Dass die Furcht vor einem Arbeitsplatzverlust eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt, ist kaum zu übersehen.

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© Harvard Business Manager 5/2010
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