Von Holger Rust
Das Medium Fernsehen strahlt offenbar eine irrationale Macht aus. Sie degradiert selbst erwachsene, in den Kämpfen des wirtschaftlichen Lebens gestählte Persönlichkeiten zu Marionetten der Kamera. Ja bewegen wir uns denn nur noch in der Klum-Show?
Ich schaue selbstverständlich trotz der wohlfeilen Pauschalbeschimpfungen "der" Manager mit einer gewissen Hochachtung auf zu denen, die sich in diesen Zeiten abmühen, auf dem Weltmarkt zu bestehen, ihre Belegschaften zu sichern, die Volkswirtschaft voranzutreiben und dafür 70 Stunden die Woche zu arbeiten. Nur - ehrlich gesagt - fällt es mir immer schwerer, wenn ich die Auftritte unserer Wirtschaftselite im Fernsehen beobachte. Und damit meine ich nicht nur und nicht einmal in erster Linie diese meist sinnleeren Diskurse in den Plauderrunden. Nein, ich meine eine Praxis, die sich in den letzten Jahren zusehends verbreitet und auf seltsame dramaturgische Einfälle von TV-Regisseuren zurückgeht, um der offensichtlich zunehmenden geistigen Lähmung ihres Publikums durch Bewegung entgegenzuwirken. Das weiß man ja aus der Psychologie: Die Aufmerksamkeit wächst, wenn sich irgendwas bewegt.
Offenbar reicht es längst nicht mehr, einen Politiker, einen Pressesprecher oder einen Manager zu einem anstehenden Thema einfach eine Frage zu stellen, ihm das Mikrofon vors Gesicht zu halten und ihn antworten zu lassen. Nackte Antworten? Bewahre: Die Befragten müssen erst mal ein paar Sekunden durch die Szene kreuzen, bevor sie ihr Statement formulieren. Und viele tun das auch. Gestandene, ehrwürdige Repräsentanten ernst-hafter Institutionen traben tatsächlich einen Flur entlang, klettern Treppen hoch und runter, um sich sozusagen für die kommentierenden Minütchen warmzulaufen, oder sie verrichten irgendwelche sichtlich nur für diesen Anlass ersonnenen Tätigkeiten auf ihrem Schreibtisch. Und man sieht leider ganz genau, dass sie die Order haben, dabei auf keinen Fall in die Kamera zu schauen. Die schauen so intensiv nicht in die Kamera, dass man sich die Vorbereitungen geradezu filmisch vorstellen kann: "Könnten Sie bitte unten von der Treppe her langsam nach oben kommen, als ob Sie zu einer wichtigen Sitzung gehen?" Ich frage mich, ob das mehrfach geprobt wird? Zum Beispiel wenn ein Unternehmenssprecher aus Versehen doch in die Kamera blickt?
Wieso sagt kaum jemand zu dieser Zumutung: Seid ihr nicht ganz dicht? Ich bin hier nicht in der Klum-Show, ich repräsentiere einen Unternehmer- oder Arbeitnehmerverband, und wenn ihr was von mir wollt, dann hört zu, aber laufen werde ich nicht.
Doch das Medium strahlt offenbar diese irrationale Macht aus, die selbst erwachsene und in den nicht eben einfachen Kämpfen des wirtschaftlichen Alltags gestählte Persönlichkeiten zu Marionetten der Kamera und Komparsen ihres eigenen Auftritts degradiert.
So laufen sie denn brav - sozusagen ihren Kommentaren entgegen, bemühen sich, professionelle Bewegungen zu simulieren, um bereits vor dem Statement nonverbal Kompetenz auszustrahlen, federnde Dynamik und gradlinigen Kurs vor beeindruckender Kulisse, so wie ihre Kommunikationsberater und Spin-Doktoren das mit ihnen trainiert haben. (Vielleicht trainieren Manager mit dem "Kapital" von Karl Marx auf dem Kopf, das ist schön schwer.) Ehrlich gesagt: Vertrauenerweckend ist das nicht, eher kabarettistisch. Also lasst es. Dann hören wir auch aufmerksam zu.