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zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2010, 10:03 Uhr
Heft 2/2010: Die 50 besten Manager der Welt

Kolumne

Von Ingenieuren und Bikinis

Von Holger Rust

Das Studium der Ingenieurwissenschaften sei eine Freikarte für Karrieren, lesen und schreiben wir seit Jahren allerorten. Und ebenso lang und ebenso oft haben wir alle immer wieder geschrieben, dass es trotzdem zu wenig Ingenieure gäbe. Irgendwas stimmt da nicht.

Nun wird oft gemutmaßt, es sei die harte Ausbildung, vor allem die Mathematik. Ich halte das für hanebüchen - wenn man sich nur mal anschaut, was das Massenstudium der BWL auf diesem Gebiet an Spezialitäten bereithält. Selbst Kandidaten, die sich - nur zum Beispiel - in die Soziologie flüchten, treiben es bald mit der schließenden Statistik auf die Spitze. Mal ganz abgesehen davon, dass man schon einen leichten Masochismus verspüren muss, um in die Systemtheorie des Niklas Luhmann einzutauchen. Da erscheint manches technische Fach als butterweiche Disziplin.

Holger Rust ist HBM-Kolumnist und Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover
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Holger Rust ist HBM-Kolumnist und Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover

© Felix Scheinberger
Das kann's also nicht sein.

Aber was dann?

Nach vielen Gesprächen schwant mir Schreckliches: Wir könnten viel mehr Ingenieurinnen und Ingenieure haben, wenn man ihnen sagen würde, wozu! Ich weiß, ich weiß: Wir brauchen Ingenieure, um die Zeit zu verkürzen, die von der Idee eines Produkts zu seiner Marktreife führt. Wir hören es ja jeden Tag, von allen möglichen Bildungsfunktionären. Ingenieure sollen funktionieren, zum Wohl der Volkswirtschaft, sich mit Produktvariationen und neuen Fertigungstechniken zur Bewältigung der globalen Konkurrenz befassen. Höhere Angestellte eines "postvisionären" Zeitalters.

Wenn ich aber meine Studenten frage, was ihnen so einfällt, wenn sie an große Ingenieure denken, dann fallen Namen und Tätigkeiten, die für alles Mögliche stehen, nur dafür nicht. "Irre Musikgeräte bauen" wie der High-End-Freak Dieter Burmeister. "Bücher schreiben" wie der ehemalige IBM-Ingenieur Luciano de Crescenzo oder Wladimir Kaminer, gelernter Toningenieur. "Howard Hughes", sagt eine junge Dame schelmisch lächelnd. Warum? Weil er seine Ingenieurkunst neben dem modernisierten Traum vom Fliegen dem perfekten BH für Jane Russell widmete. Dann auch Louis Réard, Modeschöpfer, Ingenieur und - Erfinder des Bikinis. "Seine Kenntnisse der Statik waren dabei sicher hilfreich." "Jil Sander", ergänzt eine Studentin, auch sie gelernte Ingenieurin, vermutlich dadurch inspiriert zu "diesem technoiden Stil". "Oder Bertrand Piccard", sagt ein anderer. "Der wird ja nun bald mit seinem Solarflugzeug die Welt umrunden." Aber der sei gar kein Ingenieur, erwidere ich. "Macht nichts", sagt der Student, "er inspiriert ein ganzes Team von Ingenieuren. Und vielleicht ist das der Anfang von etwas Neuem. So war es doch immer, oder?"

So war es immer. Und deshalb sollten die Bildungsfunktionäre schleunigst dafür sorgen, dass junge Menschen in den Schulen wieder träumen. Nicht von neuen Applikationen auf alten Geräten, sondern von neuen Dimensionen der alten Welt. Was wir brauchen, sind Visionen, geistige Abenteuer, Utopien, Grenzüberschreitung, Wahnsinn, wie zu den Zeiten, als man schaudernd daran dachte, ohne Pferde mit sagenhaften 30 Stundenkilometern voranzupreschen! Zu fliegen! Den Mond zu erobern! Und als gefeierte Pioniere neue Wirklichkeiten zu erschaffen!