Von Götz Mundle
Warum werden manche Menschen zum Trinker, verfallen der Tablettensucht oder steigern ihre Leistungsfähigkeit mit Mitteln wie Ritalin - während doch der Großteil der Menschen gesund bleibt? Neben Veranlagung und regelmäßiger Gelegenheit etwa auf Geschäftsreisen ist gerade im Geschäftsleben der Stress ein hoher Risikofaktor. Wir beobachten in unserer Klinik, dass viele süchtige Führungskräfte eines gemeinsam haben: Sie leiden unter chronischem Stress, und es fehlt ein modernes Stressmanagement. Diese Menschen reagieren auf Stress also nicht, indem sie joggen gehen oder Urlaub machen. Sie greifen zu den typischen Drogen der Arbeitswelt.
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All diese Hilfsmittel dienen dazu, dem Druck, unter dem die Menschen stehen, zu begegnen. Das hat zwei Ursachen. Erstens hat die psychische Belastung im Berufsleben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Zweitens ist aber auch die Bereitschaft, den Druck einfach wegzuschlucken, gestiegen. Wer eine Tablette nimmt, so wie viele Leistungssportler, wirkt längst nicht so verdächtig wie jemand, der durch Kaugummikauen seine Alkoholfahne zu verbergen sucht. Dass die Hemmschwelle zum Medikamentenmissbrauch sinkt, zeigt eine Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse aus dem Jahr 2009: So sind 60 Prozent der Berufstätigen bereit, Tabletten zu schlucken, um leistungsstärker zu werden, sofern sie keine Nebenwirkungen befürchten müssen.
Bei unserer Arbeit mit Patienten haben wir beobachtet, dass der Typ des Süchtigen, der seinen Stress mit Drogen wie Alkohol oder Ritalin bekämpft, seine eigene Leistung nie als gut genug einschätzt. Alles muss immer noch besser werden, die Grenzen müssen ständig verschoben werden. Diese Menschen haben hohe fachliche Kompetenzen, aber die Fähigkeit verloren, ihre eigene Persönlichkeit und ihre emotionale Kompetenz wahrzunehmen. Innerhalb unseres Erwachsenenlebens eignen wir uns viele Fähigkeiten und Methoden an. Aber die Fähigkeit, unsere inneren Potenziale zu erkennen und wahrzunehmen, wann wir etwas gut genug gemacht haben, ist bei immer weniger Menschen ausgeprägt. Dabei sind unsere Patienten oft hochintelligent und kompetent. Aber sie haben den Bezug zu sich, ihrer Intuition und ihre innere Stimme verloren. Während des Studiums und in der Arbeitswelt ist diese Art der Innenschau und der inneren Verankerung nie gelernt oder gefördert worden.
Mentales Fitnessprogramm
Um der Versuchung zu widerstehen, mithilfe von Drogen wie Alkohol, Kokain, Valium oder Ritalin das Arbeitsleben zu meistern, reicht es schon, kontinuierlich eine Art geistiges Fitnessprogramm zu absolvieren. Jeder weiß inzwischen, wie wichtig die körperliche Fitness für das Wohlbefinden ist, ein körperliches Training gehört bei vielen Führungskräften mittlerweile zum guten Ton. Das Gleiche sollte auch für die eigene Psyche gelten.
Ein mentales Fitnessprogramm ist im Grunde ein aktives Training innerer Stille. Das ist nicht einfach. Denn nach einer Stressphase entsteht beim Ausruhen zunächst einmal Unruhe. Fragen tauchen auf, der Stress wird sichtbar. Übungen wie Yoga oder Tai Chi, Atemübungen oder autogenes Training helfen, diese Unruhe zu bewältigen und geistig in den Leerlauf zu schalten. Im Arbeitsalltag reicht es schon, sich dreimal am Tag für fünf Minuten auf den eigenen Atem zu konzentrieren. Der dann einsetzende Ansturm von Gedanken ist ganz wichtig, um zu erfahren, was einen tatsächlich beschäftigt.
Allerdings gehört zur Vorbeugung auch, dass das Management die Rahmenbedingungen im Job so gestaltet, dass sucht- und burnoutgefährdete Mitarbeiter nicht auf süchtigmachende Hilfsmittel ausweichen müssen. So ist es enorm wichtig, dass niemand es als Makel empfindet, zu sagen: Ich bin überlastet. Stress ist nichts Negatives, solange Entspannung erlernt, möglich und erlaubt ist. Die gesunde Mischung aus An- und Entspannung ist entscheidend für geistig-seelische Fitness und nachhaltige Leistungsfähigkeit.