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Text minus plus
Heft 1/2006: Strategien (endlich) umsetzen | 20.12.2011

Fallstudie

Im Wust der Wünsche

Von Eric McNulty

3. Teil: Verflixte Globalisierung

Auf dem Weg nach Haus macht Santa Claus einen kleinen Abstecher zu den Stallungen, um wie jeden Tag nach seinen Rentieren zu sehen. Er braucht den jungen Rentierkälbern nur ein paar Minuten bei ihren übermütigen Spielen zuzuschauen und ihnen ein paar Karotten zu geben, um sich wieder daran zu erinnern, wie sehr er die Festtage liebt - und die leuchtenden Augen der Kinder, wenn die Geschenke unter dem geschmückten Weihnachtsbaum liegen.

Er blickt zum Himmel auf und sieht dem Kondensstreifen eines Passagierflugzeugs nach. Vor noch gar nicht so vielen Jahrzehnten hatte er die Himmelswege beinahe für sich allein. Bisher ist es ihm noch gelungen, einen Zusammenstoß zu vermeiden, aber im vergangenen Jahr gab es drei Beinahekollisionen. Der Flugverkehr scheint ständig zuzunehmen. Das GPS-Navigationssystem, mit dem er seinen Schlitten letztes Jahr ausgerüstet hat, sparte ihm zwar mehr als 80 000 Kilometer und fast 14 Minuten - doch die Zahl der Lieferungen nimmt immer weiter zu.

Vielleicht sollte er Resi Rechenhex bitten, nach einem Upgrade zu suchen, mit dem er seinen Flugplan dem aktuellen Wetterradar anpassen könnte. Vielleicht sollte er in schnellere Rentiere investieren - oder sogar den Schlitten motorisieren. Doch dann schweift sein Blick zu der Koppel zurück - und der Weihnachtsmann spürt, dass er es niemals übers Herz brächte, sich von Rudolf Rotnase und seiner Herde zu trennen. Schnellen Schrittes geht er auf sein Haus zu. Es hat ein Spitzgiebeldach mit einem Lebkuchenrelief und sieht neben den massiven Klinkerhallen beinahe aus wie ein Puppenhaus.

Nachdem er das Haus betreten hat, gießt Santa Claus Milch über sein Zimtmüsli. Im übergroßen Natursteinherd hinter ihm knistert ein Feuer. Seine Frau tritt zu ihm und klopft ihm liebevoll auf die Schulter. "Um diese Zeit ist es doch immer hektisch", meint sie. "Aber du und die Wichtel, ihr schafft es am Ende doch jedes Jahr."

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"Ja, aber es wird von Jahr zu Jahr schwieriger", erwidert ihr Mann. "Immer noch mehr Kinder, noch mehr Spielzeug. Und die Wunschzettel kommen immer später. Ach, früher war alles so einfach - Holzklötze, eine Eisenbahn, eine Puppe. Jedes Jahr haben wir die gleichen Spielsachen produziert, und die Kinder waren begeistert. Ich konnte mich auf meine Intuition verlassen. Aber jetzt haben wir schon mehr als eine Million verschiedene Artikel im Lager. Ich schaffe es bald nicht mehr, den Überblick zu behalten. Trends schwappen im Handumdrehen über die Ozeane. Ich habe die Außendienst-Wichtel angewiesen, nicht mehr nur das Verhalten der Kinder zu notieren, sondern auch Trendscouts zu sein. Ich habe in Software investiert. Aber trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass wir eines Tages mit dem Ganzen einfach nicht mehr fertig werden."

"Du machst dir zu viele Sorgen", beschwichtigt ihn seine Frau. "Du kannst dich immer noch auf deine gute Intuition verlassen. Du verstehst die Kinder, du kennst ihre Wünsche - sogar besser als sie selbst. Sie schreiben ihre Wunschzettel immer wieder um, je nachdem, was im neuesten Werbespot zu sehen ist. Aber du weißt, was sie wirklich lieben. Und das ist das ganz Besondere an einem Geschenk, das einem der Weihnachtsmann bringt."

Santa Claus schlüpft in seine Jacke, zieht den breiten schwarzen Gürtel um seinen Bauch etwas fester und macht sich wieder auf den Weg in die Fabrik. Er weiß zwar, dass seine Frau Recht hat, aber er weiß auch, dass selbst Wichtelzauber nicht jede Situation retten kann.


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