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Heft 11/2009: Peter Drucker | 05.11.2009

Kolumne

Peter Drucker in Wien

Von Holger Rust

Es seien "illustre Soireen" gewesen, auf denen der junge Peter im Haus seiner Eltern im Wiener Vorort Döbling mit bewunderten Geistesgrößen des frühen 20. Jahrhunderts erstmals in Berührung gekommen sei - so liest man allenthalben nun.

Irgendwie soll dieser Hinweis erklären, wie ein junger Mensch aus gutem Haus später zu einem so unkonventionellen Managementvordenker avancieren konnte. Da schwingen Assoziationen mit von tiefgründigem Gespräch und intellektueller Brillanz.

Holger Rust ist HBM-Kolumnist und Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover
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Holger Rust ist HBM-Kolumnist und Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover

© Felix Scheinberger
Ich glaube aber, da ist noch etwas anderes, typisch Wienerisches, und das ist die in vielen Schlachten geprägte rhetorische Kampfeslust, und diese Schlachten finden täglich statt, vom Frühstück im Kaffeehaus bei vielfältiger Interpretation der Zeitungsmeldungen bis hin zur Neuerfindung der Welt am Abend im Stammbeisl im Wiener Innenstadtbezirk. Da trifft sich in munterer Mischung alles - vom Künstler über die Kolumnistin und den berühmten Lungenfacharzt bis zum Manager. Und alle haben das Recht, sich ansatzlos in jedes wabernde Gespräch einzumischen - wobei es nicht zimperlich zugeht. Es ist unwahrscheinlich, dass auf den "illustren Soireen" damals eine andere Atmosphäre herrschte, wenn etwa der recht eitle Schumpeter oder der rationalistische Hayek auf psychoanalytische Durchblicker und scharfzüngige Autoren trafen, deren beißende Bonmots bis heute jeden Streit würzen.

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Wenn Drucker später sagte: "Das war meine Erziehung", meinte er sicher auch das Wienerische dieser Zeit. Was leicht zu belegen ist: Wo, wenn nicht in dieser einem Außenstehenden zersetzend anmutenden Atmosphäre hätte der Grund für die große Philosophie des Karl Popper (geboren in Wien 1902) gelegt werden können? Was später als "Falsifikationstheorem" die Grundfesten aller Wissenschaft prägte, kritisches Hinterfragen, ist nur, was im Beisl täglich tausendfach geschieht, wenn, egal was Sie erzählen, die Antwort lautet: "Des glab i net!" Wo, wenn nicht im Kaffeehaus, wo jeder zu jeder Zeitungszeile drei widerstreitende Meinungen hat und sich als Meinungsführer präsentiert, konnte die spätere Idee der "Opinion Leaders" von Paul Lazarsfeld keimen (geboren in Wien 1901; Autor von "Die Arbeitslosen von Marienthal")? Und wo, wenn nicht im multikulturellen Wien, die Verlagerung der Gestaltpsychologie ins Marketing durch den heute global gerühmten "Vater der Motivforschung", Ernest Dichter (geboren in Wien 1907), erfolgen? Er kreierte einfach einen neuen, heute gängigen Begriff zur Beflügelung der Konsumentenfantasie: "Image".

Sie werden das alles verstehen, liebe Leserin und lieber Leser, wenn Sie beim Heurigen auf dem Kahlenberg sitzen, mit dem vom frischen Wein leicht illuminierten Blick auf die nächtliche Stadt, die Schrammelmusiker spielen, und am Nebentisch meint einer auf den Einwurf seines Gesprächspartners, dass es ein bestimmtes Wort gar nicht gäbe: "Eh gibt's des Wort - i hab's ja selbst erfunden!" In solchen Momenten gewinnt man einen kleinen Eindruck davon, wie es vielleicht auch auf den illustren Soireen zugegangen sein mag, die den Geist des jungen Drucker dazu inspirierten, viele Worte zu erfinden, die es vorher nicht gab.


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