Von Holger Rust
Japanische Gärten, buddhistische Klangschalen und Einrichtungen, die irgendwie konfuzianisch wirken, sollen die Besucher von Seminarhotels zum Durchatmen und Innehalten einladen. Doch spätestens in den Zimmern holt einen die Realität wieder ein, meint HBM-Kolumnist Holger Rust.
Berufsbedingt treibt es mich mehrmals im Jahr in sogenannte Seminarhotels. Diese Hotels bieten alles, was man zur Inszenierung von Vorträgen und zur Durchführung von Seminaren braucht: vom berüchtigten pädagogischen Stuhlkreis zur Förderung von Empathie bis zur Hightech-Ausstattung für die Befeuerung des Publikums mit bunten Charts. Von Sälen für ein Riesen-Auditorium mit Bühne, Stehpult, Großbildleinwand und Vorraum für die Kaffeepausen über intime Gruppenarbeitsräume bis zum Restaurant für das obligate Abschluss-Galadinner. Meist gibt's ein Spa mit Sauna, Hamam, Fitnessräumen und mitunter sogar ein Stück Landschaft mit eigenem Parcours für seltsame Fortbewegungsarten wie Nordic Walking. Immer aber gibt es - Atmosphäre, auf dass man in der geistig bewegten Zeit eines Seminars die Sinne sammeln und die Konzentration auf das Wesentliche fokussieren kann.
Wohl in der Ansicht, dass man am besten in der Lage sei, eben dies zu tun: Sinne zu sammeln und die Konzentration aufs Wesentliche zu richten, ist diese Atmosphäre in der Mehrzahl der Seminarhotels aus dem Fernen Osten importiert. Und so sind chinesische Zeichen an die Wände appliziert, ich finde japanische Gärten, buddhistische Klangschalen und Einrichtungen, die aus allen Stilen Südostasiens kompiliert sind und irgendwie konfuzianisch wirken sollen. Dies vor allem, weil sich die Atmosphäre auf Schritt und Tritt in Täfelchen mit tiefgründigen Sinnsprüchen fokussiert - meist über den Sinn unseres Tuns hienieden. Was nun oft im harten Gegensatz zu dem steht, was in den Seminarräumen heftig verhandelt wird: wie sich denn Rendite oder Motivation der Mitarbeiter steigern ließen, wie man die Kosten weiter senken könnte oder eruiere, was man in Zukunft den Kunden am besten andreht.
Draußen liest man Dinge wie "Zwischenräume sind Sphären, in denen das Alte beendet ist und das Neue noch nicht begonnen hat". Da pfeift man anerkennend durch die Zähne und hemmt den Schritt, wenn gleich darauf ein Täfelchen mahnt: "Wenn du es eilig hast, dann gehe langsam."
So gehe ich langsam durch den japanischen Garten, der sehr reduziert wirkt und in dieser Eigen-schaft vielleicht als Vorbild für die Gestaltung von Power-Point-Präsentationen entdeckt werden sollte, lese weitere Sinnsprüche, und jeder dritte von ihnen hat ein Thema, das uns alle sehr bewegt und auch schon viele Key-Note-Vorträge und Management-Workshops bewegte: das Vertrauen. "Wer vertraut, hat auf Wahrheit gebaut", solche Dinge stehen da, nicht selten als Produkt eines früheren Seminars zur Weckung von Kreativität. Man fühlt sich wohlig aufgehoben - Menschsein kann so edel sein, so gut und ohne Harm.
Ich nehme mir dann regelmäßig vor, das wunderbare Thema in meinen Abendvortrag aufzunehmen, betrete, während ich in Gedanken die Passage durchdenke, in der ich das Vertrauen preisen will, das zenartig anmutende Ambiente meines Zimmers, um die Abendgarderobe zum Auslüften in den Schrank mit den transparenten japanischen Schiebetüren zu hängen - hinter denen unerwartet dann doch die westliche Rationalität in ihrer reinen Form aufblitzt: Die Bügel sind diebstahlsicher aufgehängt.