Sanfter Schlummer

Gesundheit:

Von Jürgen Zulley
Heft 9/2009

Die Wirtschaftskrise scheint Managern den Schlaf zu rauben. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS ergab vor Kurzem, dass Führungskräfte in Deutschland 36 Prozent weniger schlafen als noch vor einem Jahr. 61 Prozent gaben an, dass sich dies negativ auf ihre Leistung im Job auswirkt. Schlechter Schlaf beeinträchtigt die Karriere, wie andere Studien belegen: Schlechtschläfer bleiben doppelt so häufig in den unteren Gehaltsstufen hängen, während Gutschläfer Karriere machen.

Die Qualität unseres Wachzustands und damit unsere Gesundheit, Leistungsfähigkeit und unser Wohlbefinden hängen von einem erholsamen Schlaf ab. Körper und Geist überbrücken nicht nur einen Zeitraum, in dem eine Auseinandersetzung mit der Umwelt ineffektiv wäre, sondern nutzen die Phase der Ruhe. Wir entfalten eigenständige Aktivitäten, um wichtige Erholungs-, Speicher- und Aufbauprozesse ungestört durchführen zu können. Im Schlaf verbrauchen wir fast genauso viel Energie wie im Wachzustand. Während wir schlummern, ist das Gehirn nicht weniger, sondern anders aktiv. So produziert die Hypophyse das Hormon GH während des Schlafs und schüttet es aus. Es ist für Wachstum und Regeneration erforderlich. Das Immunsystem wird während des Schlafs gestärkt. Auch die Verdauung und unser Herz-Kreislauf-System benötigen die nächtliche Ruhephase. Nur ausgeruht können wir Erlerntes und Erlebtes abspeichern.

Schlafen Führungskräfte schlecht, sind sie weniger aufmerksam und machen Fehler. Die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, man kann sich weniger merken, reagiert langsamer und hat Probleme, Entscheidungen zu treffen. Eine Nacht ohne Schlaf schmälert die Leistungsfähigkeit ungefähr so stark wie ein Promille Alkohol. Arbeitnehmer, die schlecht schlafen, fehlen doppelt so häufig und kosten Unternehmen dreimal so viel wie diejenigen, die einen erholsamen Schlaf haben. So steigt das Risiko, falsche Diagnosen zu stellen, bei jungen übermüdeten Ärzten um 454 Prozent.

Zu wenig Schlaf beeinträchtigt die Gesundheit kurz- und langfristig. Eine unmittelbare Folge: Die Wahrscheinlichkeit, einen Unfall zu erleiden, erhöht sich um das Siebenfache. Schlechtschläfer schwächen ihr gesamtes Immunsystem: Studien belegen, dass Wunden langsamer heilen und dass sich bei einer Impfung nach zu wenig Schlaf nur halb so viele Antikörper bilden wie nach einem normalen Schlaf. Folgeerscheinungen wie Übergewicht, Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen sowie psychiatrische Leiden, etwa Depressionen, gehören ebenfalls zu den langfristigen Problemen, die sich einstellen können und die die Lebensqualität erheblich vermindern.

Ein regelmäßiger Lebenswandel entspricht nicht nur unseren Konventionen, sondern auch unserer Biologie. Und die sagt: Die Nacht ist zum Schlafen da. Im Gegensatz zu Maschinen sind wir nicht auf kontinuierliche Leistung, auch nicht auf kontinuierliche Arbeitsleistung eingestellt, sondern wir leben, arbeiten und schlafen im Rhythmus.

Kann man zu lange oder zu kurz schlafen? Im Prinzip hängt das ganz entscheidend davon ab, welcher Schlaftyp Sie sind. Die Deutschen schlummern im statistischen Mittel von 23.14 bis 6.18 Uhr mit einer Viertelstunde Einschlafzeit. Man kann wohl davon ausgehen, dass die individuelle Schlafdauer zwischen 5 und 10 Stunden variieren kann. Sie hängt von verschiedenen Faktoren ab: den Genen, dem Alter (Junge länger als Alte), dem Geschlecht (Frauen länger als Männer), der Jahreszeit (im Winter länger als im Sommer). Wenn wir gesund und ausgeschlafen sind, benötigen wir weniger Ruhe, als wenn wir krank und schlafgestört sind. Zu guter Letzt auch die Gewohnheit: Neben den Normalschläfern gibt es auch ausgeprägte Kurz- und Langschläfer.

Zu wenig Schlaf macht dick, dumm und krank. Diese Aussage ist provokant, lässt sich aber durch Studien belegen. Schlafmangel verkürzt das Leben. Personen, die regelmäßig sieben bis acht Stunden schlafen, werden älter als Kurzschläfer. Dies sollte eine Warnung für alle diejenigen sein, die stolz darauf sind, nächtelang durcharbeiten zu können. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von ungesundem Lebensstil. Aber auch zu lange schlafen scheint eher Nachteile als Vorteile zu bringen. Wie lange soll man nun ruhen? Wichtigstes Kriterium ist das Wohlbefinden am Tag. Wer sich fit fühlt, hatte genügend Schlaf.

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© Harvard Business Manager 9/2009
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