China gilt als Zentrum der wirtschaftlichen Entwicklung. Dennoch bleibt das Land für die meisten westlichen Führungskräfte ein Buch mit sieben Siegeln. Die chinesische Kultur ist nicht auf eine Weise anders, die man als Außenstehender beschreiben könnte. Wir verstehen sie einfach nicht.
Drachen beherrschen: In Mythen steckt immer ein Körnchen Wahrheit
Wir sammelten jahrelang Informationen über den Kern chinesischer Business-Kultur. Wir müssen gestehen, dass es auch uns schwerfällt, die chinesische Art, Geschäfte zu machen, zu begreifen. Im Laufe der Jahre stellten wir fest, dass viele Erkenntnisse über China in das Reich der Mythen gehören. In einem Forschungsprojekt gingen wir dieser Vermutung nach. Zwölf Monate lang führten wir Tiefeninterviews mit 62 Führungskräften aus Europa und 18 aus Nordamerika. Sie lebten seit mindestens drei Jahren in China und waren für multinationale Unternehmen verschiedenster Branchen tätig. Zudem befragten wir einige chinesische Manager, die in Europa tätig waren. Drei Mythen konnten wir nach diesen Gesprächen identifizieren, die wir im Folgenden mit chinesischen Sprichwörtern illustrieren. Wir geben Expatriates wertvolle Hinweise, wie sie mit diesen Mythen und der wirklichen Situation umgehen können.
Mythos1: Drei Männermachen einen Tiger
Fast alle Expatriates bekommen den Rat, sich darauf einzustellen, dass Chinesen vom Kollektivismus überzeugt sind. Ein Manager eines deutschen Automobilunternehmens berichtet: "Nachdem ich drei Jahre in Japan gearbeitet hatte, dachte ich, mir sei die asiatische Art, im Kollektiv zu handeln, vertraut. Entscheidungen fallen im Konsens, individuelle Meinungen und Vorlieben werden unterdrückt, um die Meinung der Gruppe in den Vordergrund zu rücken. Niemand will sich hervortun, auch wenn die Einzelmeinung besser ist als die Meinung der Gruppe. In China habe ich Ähnliches erwartet. Stattdessen fand ich die individualistischste Business-Kultur vor, die mir je in meiner internationalen Karriere begegnet ist." Der weitverbreitete Irrglaube über die kollektiv denkenden Chinesen wird in der Literatur weiter kolportiert und auch in den Trainings, die Firmen ihren Mitarbeitern vor einer Entsendung angedeihen lassen. Sinnvoller ist es, ehemalige Entsendete in die Trainings einzubeziehen. Auf die Frage eines Managers, was den Chinesen denn wichtig sei, antwortete ein ehemaliger Expatriate nach kurzem Nachdenken: "Nun, drei Dinge: Erstens er (oder sie) selbst, zweitens er selbst, drittens er selbst."
Wei Chen, eine chinesische Managerin aus der Luxusgüterbranche, die nun in Paris lebt, hat eine weitere Erklärung für die Entdeckung des Individualismus in ihrem Land: die Unterdrückung, die dort schon seit mehreren Generationen stattfindet. "Traditionell baut die chinesische Kultur auf Harmonie innerhalb einer Gruppe. Als ich klein war, wurde ich bestraft, wenn ich aus der Reihe tanzte. Man sagte mir, ich sollte mich verhalten wie alle anderen." Diese Art zu denken hätten die Chinesen nun aufgegeben. Sie seien begeistert, endlich voranzukommen. Westliche Führungskräfte empfinden diesen Stil oft als aggressiv.
Welcher Faktor entscheidend ist, lässt sich schwer sagen. Die praktischen Implikationen sind jedenfalls eindeutig. Westliche Führungskräfte müssen wachsam sein. Denn wenn jemand hauptsächlich im eigenen Interesse handelt, wird er nicht zögern, eine mittelmäßige Lösung anzustreben, um kurzfristige Erfolge zu erzielen.
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Artikel aus dem Harvard Business Manager
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von Kevin Coyne, Patricia Gorman Clifford
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