3. Teil: Mythos 3
Mythos 3: Der Vogel, der zuerst aus dem Nest lugt, wird erschossen
Ein Chinese würde sagen, dass er in einer Kultur mit niedriger Risikobereitschaft arbeitet. Womit wir beim letzten Mythos wären. Während Europäer über eine Entscheidung reden, Für und Wider abwägen und ein weiteres Mal besprechen, "fällt in China eine Entscheidung. Zack! Dann geht es sofort los mit der Umsetzung", wie Logistikmanager Michael Drake beschreibt. Dieses Verhalten ist riskant und taucht in unseren Forschungsergebnissen mehrfach auf.
Daten und Fakten zu China
China hat 2008 zu Exportweltmeister Deutschland aufgeschlossen. Das Land ist inzwischen die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Es wird erwartet, dass das Bruttoinlands-
produkt im Jahr 2009 immerhin noch um 6 bis 7 Prozent wächst (nach 9 Prozent im Jahr 2008 und 13 Prozent im Jahr 2007). Für deutsche Unternehmen ist China der wichtigste Handelspartner in Asien. Die größten chinesischen Unternehmen verarbeiten Öl, sind aus der Versorgerbranche und aus dem Bankensektor. Geschätzte 5000 deutsche Firmen sind derzeit in China tätig, die deutschen Direktinvestitionen stiegen von 752 Millionen US-Dollar (2007) auf 900 Millionen US-Dollar (2008).
Dazu kommt ein großes Selbstbewusstsein, das den Chinesen ermöglicht, sich trotz hoher Risiken gut zu fühlen. Nicht immer ist dieses Selbstbewusstsein auch gut für das Unternehmen. Oft täten sich die Chinesen schwer damit, Probleme rechtzeitig zu erkennen, verriet uns eine andere Interviewpartnerin. Deshalb empfiehlt auch keine der Führungskräfte, mit denen wir gesprochen haben, sich anzupassen, das heißt das Planen aufzugeben und extravagante Risiken einzugehen. Im Gegenteil: Das ist einer der Bereiche, in denen das Know-how von Expatriates eine Lücke füllen kann. Expatriates sollten darauf achten, dass sie im Hinblick auf die kulturellen Rahmenbedingungen sensibel vorgehen. Was meinen wir damit? In einem Land, in dem das Bruttoinlandsprodukt um 10 Prozent pro Jahr wächst, ist es nachvollziehbar, dass die Risikobereitschaft hoch ist.
Möglicherweise ist es sinnvoller, in einer solchen Umgebung viel auszuprobieren und weniger zu planen. Am Ende hat die globale Krise wahrscheinlich ohnehin einen mäßigenden Einfluss auf die Risikobereitschaft der Chinesen.
Fazit: Wo eine Welle ist, weht auch ein Wind
Natürlich steckt in den drei genannten Mythen immer ein Körnchen Wahrheit. Kultur ist ein vielschichtiges Phänomen. Die Einzigartigkeit der Menschen überlagert manchmal teilweise, manchmal komplett kulturelle Gepflogenheiten. Wer mit Chinesen zusammenarbeitet, wird in ihrem Verhalten stets eine Mischung aus den alten Mythen und neuen Einflüssen feststellen. Beispiel langfristiges versus kurzfristiges Denken. Entscheidungen werden kurzfristig getroffen. Die Netzwerke, die dies möglich machen, basieren aber auf langfristig gepflegten Beziehungen. So wäre eine Kooperation mit der chinesischen Regierung gar nicht möglich, ohne deren lang-fristiges Denken zu berücksichtigen.
In der Praxis hat das konkrete Auswirkungen, die westliche Manager oft überraschen: Angenommen, Ihr chinesischer Star-Vertriebler, der exzellente Beziehungen zu wichtigen Kunden hat, wird von einem Tag auf den anderen abgeworben. Dann können Sie davon ausgehen, dass er diese Kunden mitnimmt, unabhängig davon, wie sehr sich die Produkte oder Dienstleistungen des neuen Arbeitgebers von den Ihren unterscheiden. Die Kunden sind durch langfristige Beziehungen (die Sie selbst nicht haben) an den Vertriebler gebunden.