Von Holger Rust
Das Wort "Studie" scheint mittlerweile bei vielen Managern ähnlich heftige Emotionen wachzurufen wie das Wort "Steuerersparnis" bei Geldanlegern: Man lässt sämtliche Kontrollmechanismen fahren und glaubt alles, was einem da aufgetischt wird. Nun ist das bei vielen Studien auf gut Deutsch gesagt ziemlich wurscht. Ob nun Schokolade glücklich macht und Currywurst potent oder nicht. Ob Männer verblöden, wenn sie Bilder von Blondinen sehen, oder Frauen besser einparken, als ihr Ruf es ihnen bescheinigt, ob es tatsächlich ein Gähn-Gen gibt oder ob man die ultimative Erklärung für die Tatsache erhält, dass man lieber Treppen mit einer ungeraden statt mit einer geraden Zahl von Stufen hinunterschreitet - das sind die kleinen Schwachsinnigkeiten des Alltags, mit denen die bunten Lifestyle-Medien ihre Spalten füllen und die Web-Portale ihre Sites.
In der Wirtschaft aber spitzt sich die Sache zu. Studien en masse. Gerade jetzt in der Krise steigt ihre Zahl. Täglich regnen Studien auf das verwirrte Managementvolk herab. Und jede bietet einen ganz eigenen Lösungsansatz, wie man der Krise begegnen könnte. Da wird der innovativsten Branche, die es in der globalen Wirtschaft gibt, dem deutschen Maschinenbau, in einer solchen Studie geraten, die Durststrecke der Auftragsrückgänge für Innovationen zu nutzen! Da ermuntern Studien gekündigte Arbeitnehmer, endlich ihren Traum von der Dissertation zu realisieren. Denn immerhin - andere Studien feiern die große Flexibilität des Lebensentwurfs von Leiharbeitern. Wieder andere stellen nach dem Ausbruch der Krise eine geradezu fröhliche Entspanntheit bei Managern fest, weil nun endlich die Angst vorüber sei, das System könne zusammenbrechen - weil es zusammengebrochen ist. Studien erfinden Märkte für die Sexstile von morgen und Managementsysteme für "Über-Morgen" (ganz beliebter Titel), beweisen die "Bedeutung des limbischen Systems für die Kundenbindung" oder die "Rolle der Amygdala für die Konzeption von Marketingkampagnen".
Woher ich das weiß?
Aus einer Studie!
Schon vor vielen Jahren, nämlich 1970, lieferte ein Dr. Myron L. Fox den Beweis, als er vor Experten einen Vortrag mit dem eindrucksvollen Titel hielt: "Die Anwendung der mathematischen Spieltheorie in der Ausbildung von Ärzten." Den Teilnehmern wurde Fox als Autorität auf dem Gebiet der Anwendung von Mathematik auf menschliches Verhalten vorgestellt. Die Zuhörer, alles Akademiker, hingen an seinen Lippen. Was sie nicht wussten: Dr. Fox war ein Schauspieler, dem man die Aufgabe angetragen hatte, aus einem Fachartikel über Spieltheorie einen Vortrag zu entwickeln, der ausschließlich aus unklarem Gerede, erfundenen Wörtern und widersprüchlichen Feststellungen bestand, die er mit viel Humor und sinnlosen Verweisen auf andere Arbeiten vortrug. Das war nicht so einfach. Aber er schaffte es. Ob diese Studie nun ernst zu nehmen ist, weiß ich nicht. Aber sie legt eine irritierende Frage nahe: Leben wir vielleicht in einem groß angelegten Feldexperiment, in dem irgendjemand auslotet, wie weit man mit Managern gehen kann? Lebt Dr. Fox?
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