Von Holger Rust
In den letzten Wochen fiel mir immer wieder das fröhliche Verhalten einer Reihe von Bekannten auf. Wo und wann immer man sie irgendwo traf, erstaunten sie mich mit einem irgendwie beseelten Gesichtsausdruck. Und so sprach ich denn einen dieser Bekannten, der anlässlich eines gemeinsamen Achtels nach der Arbeit eben diese glückliche Miene zur Schau trug, an und fragte ihn, warum er neuerdings ständig so entrückt herumlaufe. "Raucht ihr irgendwas?"
"Aber", sagte er entrüstet, "natürlich nicht."
"Ja, was ist dann?"
"Krise, mein Freund. Hast du noch nichts von der Krise gehört?"
"Die Krise? Das ist doch kein Grund, ständig herumzugrinsen!"
"Aber sicher", erwiderte der Bekannte. "Denn die Krise ist auch eine Chance!"
"Muss ich das verstehen?"
"Selbst wenn du wolltest, könntest du das nicht verstehen. Du bist ein unglücklicher Alarmist, ein notorischer Pessimist", sagte er und sah für einen Moment bekümmert aus. "Wir aber, die Optimisten mit dem positiven Denken, wir wissen, dass aus jeder Krise eine neue große Chance erwächst."
Ich fragte nicht weiter nach, welche. Brauchte ich auch nicht, denn nun ging es los: Er verwies auf die Zeitungen. Wie täglich Consulting-Gurus und Finanzberater die Chancen in der Krise lobpreisten, als Chance, sich neu zu erfinden, und in ihrer zwingenden Logik historische Beweise vorlegten. Wie aus dem Platzen der Tulpenzwiebelblase in Holland anno 1638 oder '39 eine blühende Wirtschaft erstand und das Land heute Tulpen in alle Welt exportiert, oder wie nach der Dotcom-Blase die Internetindustrie sich so richtig konsolidiert habe. All das und mehr führte er als Geburtshilfen neuen Reichtums ins Feld. Und dass es uns ohne diese tief greifenden Krisen heute nicht so gut ginge.
"Mit meiner Einstellung", sagte ich, "wären wir gar nicht reingekommen."
"Aber", holte er zu einem groß angelegten Konter aus: "Mit dieser Einstellung wärst du niemals so reich geworden, wie ich es war."
"Das stimmt", musste ich zugeben. Er hatte wirklich mit Spekulationen ein Vermögen verdient, während wir anderen, die ängstlichen Pessimisten, auf unseren Sparbüchern mit dreieinhalb Prozent Zinsen abgespeist wurden.
"Das war immer dein Problem", sinnierte er, "deine mangelnde Fantasie für die großen Möglichkeiten." Er starrte seufzend in sein halb volles Glas: "Für dich ist das Glas immer halb leer."
"Das stimmt", sagte ich, mit einem Blick auf den verbliebenen Rest. Ich trank ihn aus, um mir gleich ein neues, ganz volles Glas zu bestellen.
"Möchtest du auch eines", fragte ich den strahlenden Bekannten, "ein ganz volles?"
Leuten, die trotz eines drohenden Bankrotts Optimisten bleiben, soll man in schwerer Stunde unter die Arme greifen, auch wenn man als Pessimist nicht erwartet, dass sie sich irgendwann revanchieren können.
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