Von Holger Rust
Mein Gott, ist das langweilig geworden seit dem Ausbruch der Finanzkrise! Niemand wagt mehr was, niemand geht ein Risiko ein, keiner investiert in gewinnbringende Aussichten für die Zukunft - in Futures, wie es so schön hieß, als wir noch nach Herzenslust auf den Finanzmärkten Renditen jagten wie Kinder bunte Schmetterlinge. Wir sollten das wieder ändern, wieder das Abenteuer suchen, Wagnisse eingehen, den Kitzel des Risikos spüren, in der Hoffnung auf zweistellige Wertzuwächse. Guter Mann, höre ich manch kluge Leserin und charmanten Leser augenrollend rufen: Bist du nicht ganz bei Verstand?
Aber klar doch, bin ich.
Ich weiß, das klingt überheblich. Aber ich greife nur einen Gedanken auf, der in Zeiten der Hochkonjunktur ständig beschworen, aber nicht realisiert wurde, weil unsere ganze Aufmerksamkeit von komplexen Finanzprodukten gefesselt war. Irgendwie geriet im Rausch dieser Investitionen nämlich aus dem Blickfeld, dass die wahren Investitionsobjekte für Unternehmen viel näher lagen: in den intellektuellen Potenzialen der Belegschaft. Zwar wurden die Menschen - in ungezählten Sonntagsreden - als der größte Wert einer Volkswirtschaft bejubelt, die kaum über Rohstoffe verfügt.
Doch investiert wurde in Finanzprodukte - das Ergebnis kennen wir.
Nun hört man diese Lobesreden wieder häufiger. Allerdings dient die Beschwörung vielfach nur als zynischer Trost für sogenannte Freigesetzte: In jeder Krise liege doch auch eine neue Chance! Vor allem die, sich sozusagen frei von Zwängen - wie das Modewort es aufhübscht - "neu zu erfinden"! Nehmen wir also einfach an, das Märchen würde Wirklichkeit und das Unerwartete geschähe: Einer, dem man begütigend diesen Trost mit auf den Weg gäbe, erfände nicht nur sich, sondern die wesentlichen Ingredienzen der Kernkompetenz wichtiger Unternehmensbereiche neu - und machte seinem alten Arbeitgeber unangenehme Konkurrenz. Dann würde erneut ein Gejammer losbrechen: Hätte man ihn nur gepflegt, diesen Zwangsinnovator, hätte man nur sein intellektuelles Kapital genutzt und ins geistige Depot des Unternehmens gelegt!
Das Schönste an der Sache aber wäre: Wenn diese Intelligenzblase platzen würde, gäbe es nur Gewinne - und die wären auch noch steuerfrei!
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