Von Holger Rust
Schon am nächsten Tag setzte eine buchstäbliche Inflation an "deutschen Harvards" ein. Vor allem die eng auf wirtschaftliche Ausbildungsgänge beschränkten Privathochschulen oder Gründungen mit Unternehmen als Finanziers wie etwa die European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin reklamierten vordere Plätze in diesem Wettbewerb der Harvard-Lookalikes. Drei Gründe galten ihnen als Legitimation: Exorbitante Studiengebühren, ein höllisch scharfes Selektionssystem und überdurchschnittlich hohe Einstiegsgehälter, die ihren Absolventen in der Industrie geboten werden. Die seien ihnen herzlichst gegönnt.
Leider fehlen wichtigste Komponenten der Philosophie, die offensiv und seit 100 Jahren auch an der Harvard Business School (HBS) gepflegt wird: interdisziplinärer Geist, Bildung zu integren Persönlichkeiten und intellektuelle Unabhängigkeit. Während sich in Deutschland langsam, aber sicher die Praxis durchsetzt, die Effizienz der hohen Schulen an ihrer Wirtschaftsnähe zu messen - vor allem an den eingeworbenen "Drittmitteln" aus der Industrie -, betont in der Einladung zu den Centennial-Feiern der Dekan der HBS, Jay Light, konsequent ein anderes Ziel: "The school's research budget of over $ 70 million is entirely self-funded to ensure objectivity and to provide faculty with the freedom and flexibility to pursue novel and innovative lines of investigation."
"Es gibt keinen Erfolg im Geschäftsleben, der ein Versagen im privaten Bereich kompensieren könnte."
Und wenn sich heute die Regale in den Wirtschaftsbuchabteilungen unter der Masse von Traktaten durchbiegen, in denen selbst ernannte Business-Coaches Geistesgrößen wie Seneca und Benedict, Platon, Goethe und andere, die sich nicht mehr wehren können, zum "Zitatenschatz für Manager" verwursten, ist das allenfalls eine kümmerliche Reminiszenz an den Kinderpsychiater und Sozialethiker Robert Coles. Er war Ende der 80er Jahre der Erste, der an der HBS gestandene Manager Shakespeare-Dramen lesen ließ - in aller Ruhe und im Original -, um sie so mit moralischen Dilemmata zu konfrontieren. Heute, im Jahr 2008, führt Susan Sucher in ihrem Seminar "The Moral Leader" mit der Lektüre der Bücher Albert Camus' oder Barbara Kingsolvers diese Tradition fort, die "Frontiers of Management" intellektuell auszudehnen. Ganz im Sinne von Rosabeth Moss Kanters gleichnamigem Buch aus dem Jahr 1997 oder der Mahnung, die der vormalige Dekan Kim B. Clark dem ersten Absolventenjahrgang des neuen Jahrtausends widmete: "Es gibt keinen Erfolg im Geschäftsleben, der ein Versagen im privaten Bereich kompensieren könnte."
Was für Impulse für die deutschen Harvards!
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