Von Holger Rust
Wenn ich die Träume meiner Studentenzeit und der Zeit als junger Berufstätiger betrachte und sie mit den Träumen meiner Studenten und der Alumni, mit denen ich weiterhin Kontakt habe, vergleiche, dann spielten und spielen immer die Namen großer Universitäten eine wichtige Rolle.
Viele von uns in den späten 60er und frühen 70er Jahren träumten von Berkeley (vor allem weil damals Haight-Ashbury in San Francisco als angesagteste Szene der Welt galt). Wer also je irgendeinen Kontakt auf dem Campus hatte oder als Gasthörer zwei Tage in einem Seminar verbrachte, polierte seine Biografie mit "meiner Zeit in Berkeley" auf.
Im Prinzip hat sich nichts geändert. Nur zeigt sich im Zuge eines neuen Realismus das Traumgefilde verlagert, es liegt heute an der Ostküste und heißt "Harvard Business School". Wer je ein Kurzzeit-Fellowship oder ein Seminar an dieser Einrichtung besucht hat, verweist auf "meine Zeit in Harvard". Um den Erwerb dieser geldwerten Qualifikation hat sich in den USA eine Coachingindustrie aufgebaut, die jungen Träumern die Eröffnung der Geheimnisse für ihre erfolgreiche Bewerbung an die HBS verspricht, um so ihre Biografie zu formatieren. Die berühmte Campus-Zeitschrift "Harvard Crimson" zitiert im September 2006 die bissige Klage des damaligen Unipräsidenten Derek Bok: "Whether it is authors trying to sell books or motion pictures trying to attract audiences or politicians trying to make a point that commands attention, Harvard is a useful tool."
Aber versteckt hinter diesen instrumentellen Träumen gilt immer noch das Prinzip der geistigen Herausforderung, der Traum von der intellektuellen Größe und der innovativen Inspiration. Den Traum zu verwirklichen ist nun im Laufe der Jahrzehnte so leicht geworden, dass wir ihn für die Studenten zu einem Spiel erweitert haben, in dem ihre Avatare routiniert die Studienangebote der HBS wahrnehmen. Wie in einem Bildungsraumschiff schweben sie mit Google Earth in Sekunden aus Satellitenhöhe auf den Campus am Charles River ein, um dann mit der Diashow der School Hörsäle und Seminarräume zu erkunden, die Mission Statements von Dekanen und Professoren zu studieren und auf diese Weise mental erfrischt zum Studium der intellektuellen Diskurse überzugehen.
Die stehen zu vielerlei unerwarteten Fragen offen im Netz, genau wie die Kursangebote mit neuen Ideen und die lebendigen Porträts ihrer Urheber (alles anzusehen unter: www.hbs.edu). Ebenso finden Sie Bücher und Essaysammlungen, aufgelegt von der Harvard Business Press (ein paar Straßen weiter), eine Lektüre, die vor dem grassierenden Unsinn schützt, den uninspirierte Nachahmer verbreiten. Ein virtuelles Studium an Harvards Business School: Allerdings eines, das nicht nur wie das angesagte Kunstwerk hinterm Schreibtisch einen Status simuliert, sondern eine geistige Haltung.
Natürlich bleibt der Gedanke höchst reizvoll, sich zur illustren Gruppe derer zu zählen, die einen Titel der HBS besitzen. Ja, er wird umso reizvoller, je intensiver man mit diesem Spiel in das geistige Szenario auf dem Campus vordringt. Vielleicht ist aber gerade das Spiel der erste Schritt von der virtuellen zur wirklichen Wirklichkeit. n