Von Holger Rust
Vielleicht sollte man sich in der Tat nicht gar so weit aus dem Fenster lehnen. Vor allem nicht, wenn man morgens nach einem leicht verlängerten Abend in diesen Spiegel schaut, nach einem jener Abende, an denen einmal andere Gespräche geführt wurden als über Renditen, Wettbewerbe, Märkte und Karriereziele. Erfrischend, kommunikativ, grenzüberschreitend, innovativ. Und das mit Menschen, mit denen man möglicherweise sonst nur schematisch geschäftlichen Austausch pflegte.
Doch auch wenn der Geist von den anregenden Gesprächen dieses verlängerten Abends erfrischt sein mag, seine irdische Hülle offenbart sich in beklagenswertem Zustand der Faltigkeit. Unter den Augen, um die Mundwinkel, in den Wangen - vieles zerfurcht, gezeichnet, selbst im schmeichelhaften Licht des Schminkspiegels ergraut.
Dann tauchen die Schemen der alterslosen Faltenlosigkeit wieder auf, diese Langstreckenläufer, viril und bronziert, gelockt und vital, schmalgesichtige Kraftpakete, die den Betrachter mit gleißend weißen Zahnleisten breit belächeln, als trügen sie 64 Zähne im Mund. Aber wollen wir wirklich so aussehen wie all diese 30 bis 60 Jahre alten statuesken, ewig gut gelaunt auf Naturkost und biologische Kosmetik schwörenden Beautys?
Manche von denen bewunderten wir schon als Kinder. Damals waren sie älter als wir. Heute bewundern wir sie als Erwachsene. Und nun sind sie jünger als wir. Das ist das eigentlich Erstaunliche, über das man sich morgens nach einem - wie gesagt geistig erfrischenden, doch körperlich zehrenden - verlängerten Abend so wundert. So greift man angenagten Gewissens zu Büchern dieser Lichtgestalten, in denen sie das Geheimnis offenbaren, auch dort abgebildet in perfektem Zustand, von einem Schein umflort, was ihnen geradezu etwas Heiliges verleiht.
Denn eigentlich müssten sie ja einen ungeheuren Zeitaufwand für die Erhaltung ihrer äußeren Hülle betreiben. Was nur bedeuten kann, dass sie allem Geistigen entsagt haben. Lesen die Drucker auf dem Trimmrad? Hören sie Kets de Vries auf der Hantelbank? Japsen sie sich rennend gegenseitig an, die Ethik des Wirtschaftens disputierend? Kaum: Wer den Geist trainiert, braucht Nächte der Gespräche, den Widerpart, die Schönheit trefflicher Formulierungen, faltenlose Argumente, und - ja - einen Burgunder, der den Diskursen ihre Flügel verleiht. Dafür sehen wir dann manchmal so aus, wie wir aussehen, faltig und zerfurcht, mit einem Wort: furchtbar. Aber es gibt auch einen Vorteil: Niemand glaubt diesen Autorinnen und Autoren eigentlich noch, obwohl sie ständig ungefragt beteuern, dass sie nicht geliftet sind.
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