Von Holger Rust
Letzteres scheint nach der Liechtenstein-Steueraffäre wieder sehr en vogue. Und die Kulisse bauen Studien, die mit empirisch verkürzten Bestandsaufnahmen in opportunistischer Manier die Ressentiments bedienen. So macht es auch eine Autorin namens Julia Friedrichs in ihrem Buch, das die ganze karrieristische Trostlosigkeit der künftigen Exekutive dieses Landes ausbreitet: "Gestatten Elite". Friedrichs wurde bekannt als "die junge Frau, die ein Angebot von McKinsey ablehnte". Das trug ihr, aus welchen Gründen auch immer, sehr viel Anerkennung ein und qualifizierte sie für die Rolle der Elitenkritikerin, in der sie nun genüsslich chargiert.
In der Verlagsankündigung erfährt die umworbene Leserschaft, dass Friedrichs ein Jahr lang "an Elite-Universitäten, Elite-Akademien, Elite-Internaten" recherchiert habe. "Sie taucht ein in eine Welt, in der Menschen, die weniger als siebzig Stunden pro Woche arbeiten, 'Minderleister' heißen, in der zwanzigjährige Eliteanwärter Talkshow-Auftritte trainieren und Teenager Karriereberatungen buchen." In einem Bericht über die - nebenbei vermerkt: exzellente - neue Frauenstudie der "Brigitte" wurde sie mit dem Satz zitiert, das Weltbild dieser Elite, "in dem es nur Gewinner und Verlierer gibt, ist eher testosterongetrieben. Genau wie der Elitebegriff an sich, der sich rein über Status, Macht und Geld definiert."
Aha.
Aber gemach: Allen Horrorvisionen dieser "Elite-Studien" zum Trotz bietet sich in den empirischen Ergebnissen von wirklich repräsentativen Projekten über die Mentalität des Nachwuchses ein ganz anderes Bild der künftigen Exekutive: Ihre Vertreter werden beschrieben als kommunikative Innovatoren, die unter kooperativer Führung auf der Grundlage von Sachkenntnis und betriebswirtschaftlicher Kompetenz Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur engagiert in eine neue Epoche leiten wollen. Es ist also längst nicht gesagt, ob tatsächlich dereinst die Testosteron-Karrieristen "die" Elite stellen oder ob sie nur die hochrangig operativen Zuarbeiter sein werden.
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