Spieltheorie?

Was ist ...:

Von Michael Leitl
Heft 4/2006

Die Suche nach optimalen Spielstrategien interessierte auch den Mathematiker John von Neuman. Und so begann er 1928 Gesellschaftsspiele zu analysieren. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er 1944 zusammen mit dem Ökonomen Oskar Morgenstern. Sein Buch "Spieltheorie und ökonomisches Verhalten" gilt als Geburtsstunde der modernen Spieltheorie.

Die Spieltheorie erklärt Konfliktsituationen, in denen das Ergebnis für alle Teilnehmer von den Entscheidungen der anderen abhängt. Das gilt schon für simple Aufgaben. Etwa wenn zwei Inhaber eines Unternehmens darüber grübeln, wer von den beiden die Firma verlässt und wie groß die Kompensationssumme sein muss. Fair wäre: Einer legt die Summe fest. Der andere darf zwischen Geld und Firma wählen.

Um optimal zu entscheiden, muss der Inhaber die Überlegungen seines Kompagnons berücksichtigen - genauso wie die Tatsache, dass sein Gegenüber dies ebenfalls tut. Informationen über die wahren Absichten der Beteiligten sind entscheidend für eine gute Wahl. Von Neuman und Morgenstern entwickelten für solche Probleme mathematische Lösungswege. Sie nahmen dabei an, dass alle Protagonisten eines Spiels streng rational handelten. Zu dieser Zeit beherrschte das Bild des Homo oeconomicus die ökonomische Diskussion.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen Wissenschaftler wie der Soziologe Herbert Simon, dieses rationale Menschenbild zu hinterfragen. Sein Modell des eingeschränkt rationalen Verhaltens beeinflusste viele andere Wissenschaftler, die sich mit Verhaltensmodellen auseinander setzten.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Spieltheorie zur Universaltheorie. Ob in der Soziologie beim Betrachten menschlicher Beziehungen, im Sport, in Wirtschaft, Politik, Recht, Diplomatie oder Krieg - überall stützten Experten ihre Entscheidungen durch spieltheoretische Überlegungen.

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1985 veröffentlichte der in dem er darlegte, wie sich in bestimmten Situationen Kooperationsstrategien durchsetzen. Diese so genannte evolutionäre Spieltheorie wurde wiederum für die Biologen interessant, sodass auch die moderne Evolutionstheorie spieltheoretische Elemente enthält.

Als 1994 der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Selten gemeinsam mit John Nash und John C. Harsanyi den Nobelpreis für seine spieltheoretische Forschung bekam, war die Theorie wissenschaftlich geadelt. Doch deren Ablösung durch neue Modelle hat bereits begonnen. Denn Selten, durch Herbert Simons Arbeiten stark beeinflusst, arbeitet an Entscheidungsmodellen, die den wahren Menschen statt des Kunstbildes Homo oeconomicus abbilden. Ein langer Weg. Selten und der Kölner Ökonom Alexander Ockenfels wollen auf jeden Fall die nächsten zehn Jahre daran forschen.

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