Von Lothar Kuhn
Im Beruf sollen wir Spitzenleistung bringen und auf der Karriereleiter immer höher klettern; zu Hause kümmern wir uns liebevoll um Partner und Kinder; dann laufen wir noch Marathon und lernen ostasiatische Meditationstechniken. Unmöglich? Wir müssen nur unser Leben richtig organisieren, versprechen Ratgeberbücher und Berater, dann klappt es schon.
Dabei sollte das Work-Life-Balance-Konzept ursprünglich für mehr Zufriedenheit mit dem eigenen Leben sorgen. 1986 geprägt, tauchte der Begriff in der populären Presse erst gegen Ende der 90er Jahre auf. Mit dem Aufkommen der New Economy verschärften sich die Anforderungen an Manager und Mitarbeiter. Auch einmal im Büro zu übernachten, falls nötig, gehörte zum guten Ton. Die Kollegen waren zugleich die besten Freunde (oder sollten es sein). "Der Arbeitsplatz wird zum Zuhause, das Zuhause zum Arbeitsplatz", stellte die Soziologin Arlie Russell Hochschild von der Uni Berkeley Ende der 90er Jahre fest (Harvard Businessmanager 3/1998).
Je mehr Frauen erwerbstätig wurden, je mehr Berufstätigkeit in der Öffentlichkeit Wertschätzung erfuhr, desto mehr wurde das Privatleben abgewertet. Für den Single ist dies kein Problem. Für Menschen mit Familie führte es zu neuen Belastungen. Um den wachsenden Anforderungen zu genügen, mussten sie den Alltag außerhalb der Arbeit straff organisieren.
"Manager müssen lernen, sich bewusst Grenzen zu setzen und nicht endlos nach mehr Leistung, Erfolg oder Anerkennung zu streben."
Führungskräfte nutzen derartige Angebote eher selten, auch aus Angst um ihre Karriere. Der Chefcontroller in Teilzeit ist noch immer schwer vorstellbar. Manager werden eher auf eine neuere Variante des Work-Life-Balance-Konzeptes setzen, die da heißt: Es gibt Phasen im Leben, in denen die Arbeit im Vordergrund steht, und andere, in denen die Familie oder ein Hobby mehr Gewicht bekommen. Nur alles auf einmal gibt es nicht.
"Manager müssen lernen, sich bewusst Grenzen zu setzen und nicht endlos nach mehr Leistung, Erfolg oder Anerkennung zu streben", fordert Harvard-Professor Howard Stevenson in seinem Beitrag "Erfolgreich und glücklich" (Harvard Businessmanager Mai 2004). Er hat eine Vorgehensweise entwickelt, um die richtigen Prioritäten zu bestimmen. Das Ziel: der größtmögliche persönliche Erfolg - im Privaten wie im Beruflichen.