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zuletzt aktualisiert: 05. Mai 2009, 08:34 Uhr
Heft 5/2009: Richtig entscheiden

Kolumne

Der Wert der Intuition

Von Holger Rust

Oft werden intuitiv getroffene Entscheidungen von Einzelnen als reine Bauchentscheidungen eingestuft. Warum sie aber viel mehr bedeuten, erklärt Harvard-Businessmanager-Kolumnist Holger Rust in seiner monatlichen Kolumne.

Wenn es darum geht, die Logik von Entscheidungen zu begründen, dauert es selten lange, bis einer daherkommt und auf die Bedeutung des Bauches verweist. Meist ist es jemand, der selbst nicht entscheiden muss. Aber das soll hier erst einmal nicht weiter verfolgt werden, ebenso wenig die Frage, wie viele der Bauchentscheidungen letztlich (um im Bild zu bleiben) in die Hose gegangen sind. Ich will mich mit den erfolgreichen Bauchentscheidungen beschäftigen, die sich sprachlich dadurch aufwerten, dass sie als Intuition daherkommen. Wenn man sich mal genau anschaut - und das tun ja nun jede Menge Psychologen und Hirnforscher -, was diese Intuition begründet, kommt etwas Überraschendes heraus: Intuition ist die Summe der Erfahrungen, die in einem konkreten Moment blitzschnell abgerufen und in Handeln übersetzt werden.

Holger Rust ist HBM-Kolumnist und Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover
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Holger Rust ist HBM-Kolumnist und Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover

© Felix Scheinberger
Intuition ist die ungebundene Kompetenz, erlebte Dinge zu neuen Arrangements zu verknüpfen oder in unerwarteten Zusammenhängen alte Muster zu erkennen, eine Kompetenz, die die Doyenne der empirischen Weltbetrachtung und Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Elisabeth Noelle-Neumann, treffend als quasi statistische Wahrnehmungsfähigkeit bezeichnete. Mit diesem Begriff hat sie die Philosophie eines klassischen Denkers auf den modernen Punkt gebracht, der schon zwanghaft als posthumer Managementberater angerufen wird, wenn es um Bauchentscheidungen geht: René Descartes. Der schrieb um 1700 herum, schon damals entnervt von den Spökenkiekereien der zeitgenössischen Scharlatane, die sich als intuitive Genies brüsteten: "Unter Intuition verstehe ich nicht das schwankende Zeugnis der sinnlichen Wahrnehmung oder das trügerische Urteil der verkehrt verbindenden Einbildungskraft, sondern ein müheloses und deutlich bestimmtes Begreifen des reinen und aufmerksamen Geistes."

Mühelos, gelassen, treffsicher: Es sind genau diese Kompetenzen, die ins Feld geführt werden, wenn der Wert älterer Manager betont werden soll. Wenn man sich daraufhin mit diesen lässigen Typen unterhält, kommt noch ein ganz anderes Element dazu: das zurzeit hoch gehandelte Vertrauen. Bei ihren schnellen und gezielten Entscheidungen haben sie immer in der Gewissheit gehandelt, dass sie sich auf den Erfahrungsschatz ihrer Mitarbeiter beziehen konnten. Und das deshalb, weil sie in einem ständigen offenen und dauerhaften Kommunikationsprozess mit ihnen standen. So entwickelt sich das Urvertrauen in die Fähigkeit des Unternehmens, mit unerwarteten Herausforderungen schnell zurechtzukommen. Die Basis intuitiver Entscheidungen von Einzelnen basierte auf der in diesen Köpfen vernetzten Erfahrung unterschiedlicher Geister. Wenn man die spektakulären Fehlentscheidungen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte anschaut, stößt man tatsächlich in der Regel auf sehr einsame Figuren, die sich mit gleichförmig denkenden Jasagern umgeben hatten.

Nur manchmal winden sich selbst die Routiniers der Intuition - interessanterweise bei echten Bauchentscheidungen. Dann sinnieren sie lange herum, ob sie aus dem Angebot des Mittagsmenüs bei ihrem Lieblingsitaliener lieber Spaghetti al pesto oder al mare wählen sollen. Es hat eben alles seine Grenzen.