Soziophysik?

Was ist ...:

Von Lothar Kuhn
Heft 6/2005

Seit Mitte der 90er Jahre untersuchen sie unter der Überschrift "Soziophysik" (im Englischen unter dem Begriff "Econophysics") auch ökonomische Systeme. Dabei haben sie Überraschendes entdeckt: dass Börsen anders funktionieren, als klassische Ökonomen behaupten; wie Multiaufsichtsräte Unternehmen dominieren; und warum eine langsame Produktion schnell sein kann.

Durch den Siegeszug der Informationstechnik gibt es seit den 90er Jahren detaillierte Daten über Wirtschaftssysteme, etwa über Kurse von Aktien oder Devisen. Physiker verfügen über ausgefeilte Methoden, um in riesigen Datensätzen nach wiederkehrenden Mustern zu suchen und diese zu beschreiben. Als sie ihre Werkzeuge auf Kursschwankungen anwandten, stießen sie die etablierten Ökonomen schnell vor den Kopf: Die Hypothese effizienter Märkte aus der klassischen Finanztheorie, die viele Analysten bei ihrer Arbeit nutzen, beschreibt besonders starke Kursveränderungen nicht angemessen. Bestimmte Verteilungsfunktionen aus der Physik eignen sich dagegen besser, das Risiko eines Portfolios - zumindest über einen begrenzten Zeitraum hinweg - abzuschätzen.

Physiker scheuen sich auch nicht, Dinge zu quantifizieren, die Ökonomen oft für unmessbar halten. So hat eine Gruppe Physiker von der Pariser Ecole Normale Supérieure nachvollzogen, wie eine Minderheit von Aufsichtsräten ein Unternehmen beherrschen kann. Sie konnten am Beispiel der Bank of America zeigen, dass Aufseher, die gemeinsam in mehreren Aufsichtsräten arbeiten, ihre Ansichten oft angleichen und dann zusammen vertreten. Es gibt sogar, so die Physiker, einen exakten Zusammenhang zwischen der Zahl der Gremien, in denen Aufsichtsräte gemeinsam sitzen, und der Wahrscheinlichkeit, mit der sie ihre Linie durchsetzen.

Mittlerweile gibt es auch im deutschsprachigen Raum eine Gruppe von Soziophysikern, die sich im "Arbeitskreis Physik sozio-ökonomischer Systeme" zusammengeschlossen haben (www.dpg.de). Zu dessen führenden Köpfen zählt Dirk Helbing, Professor an der Technischen Universität Dresden. Er hat Erkenntnisse aus der Verkehrsphysik auf die Chipproduktion bei Infineon Chart zeigen übertragen: Bewegen sich Fahrzeuge auf Autobahnen mit hohem Tempo, schaukeln sich plötzliche Bremsmanöver Einzelner schnell bis zum Stau auf. In der Dresdner Infineon-Fabrik gab es ein vergleichbares Phänomen. Helbing konnte berechnen, wie viel langsamer einzelne Produktionsschritte ablaufen sollten, damit die Anlage insgesamt effizienter wurde. Am Ende arbeitete sie immerhin 30 Prozent schneller als zuvor.

Der unvoreingenommene Blick der Physiker auf ökonomische Vorgänge kann die Wirtschaftswissenschaften also befruchten. Bleibt abzuwarten, wie aufgeschlossen die Ökonomen für die Ideen der Naturwissenschaftler sein werden.

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