Bürokratie?

Was ist ...:

Von Michael Leitl
Heft 12/2005

Gournay war genervt vom merkantilistischen Verwaltungssystem, das Jean-Baptiste Colbert, Finanzminister Ludwig XIV., etwa hundert Jahre zuvor eingerichtet hatte. Um der Korruption, Willkür und Ineffizienz am Hof des Sonnenkönigs Herr zu werden, hatte Colbert ein hierarchisches, von Regeln geprägtes Verwaltungssystem erdacht. Die Beamten sollten nicht nach Gutdünken entscheiden, sondern nach Vorschrift. Diesen Dienst nach Vorschrift beschimpfte Gournay schließlich als "Herrschaft der Schreibtische", als "bureaucratie".

Ihren miesen Ruf ist die Bürokratie nicht mehr los geworden. Doch weder Konzerne noch Staaten kommen ohne bürokratische Strukturen aus. Der Soziologe Max Weber beschrieb in seinem 1922 veröffentlichten Werk "Wirtschaft und Gesellschaft" deren Vorzüge. Demnach ist Bürokratie der Versuch, Institutionen rationeller zu organisieren. Dazu sei ein hierarchisch gegliederter Stab von Berufsbeamten nötig, die Trennung von Amt und Person sowie Objektivität, für alle verbindliche Regeln und die schriftliche Dokumentation der Arbeit, damit alle Verwaltungsvorgänge nachgeprüft werden können. Weber schloss die Wirtschaft dabei nicht aus: "Die ganz großen modernen kapitalistischen Unternehmungen sind selbst normalerweise unerreichte Muster straffer bürokratischer Organisation."

Aus seiner Analyse und Managementkonzepten wie Taylorismus, Fordismus und der Human-Relations-Bewegung entwickelte sich die Organisationstheorie. Denn Weber bezog sich bei seiner Analyse der Bürokratie auf ein theoretisches Ideal. Doch Unternehmen, Parteien, Vereine und Staaten haben unterschiedliche Ziele und Strukturen. Praktiker brauchten spezifischere Konzepte, Theoretiker wollten Erkenntnislücken schließen.

Soziologen entwickelten daraufhin viele unterschiedliche Sichtweisen. Die einen gingen davon aus, dass Menschen je nach Situation nach anderen Kriterien organisiert arbeiten müssen (situativer Ansatz); andere meinten, dass eine Organisation entsteht, weil die Mitarbeiter glauben, ihre Arbeit nur auf eine bestimmte Weise erledigen zu können (konstruktivistischer Ansatz).

Aus diesen Theorien entwickeln sich wiederum Managementkonzepte, oft als Reaktion auf Veränderungen. In Zeiten großer Stabilität, in denen Manager vorausplanen können, sind andere Konzepte nötig als heute, da Märkte sich schneller verändern und öfter unvorhersehbare Probleme auftreten. Zudem werden Organisationen heute zunehmend in kleine Häppchen zerteilt, weil zum Beispiel Teile der Aufgaben anderen Firmen anvertraut werden. Es entstehen Netzwerke.

Starre Regeln funktionieren nicht mehr. Um Unternehmen flexibler zu machen, wurden moderne Konzepte wie Beyond Budgeting, das Profitcenter, die Lernende Organisation oder das Virtuelle Unternehmen entwickelt. Der Mannheimer Organisationsforscher Alfred Kieser empfiehlt, Regeln in Form von Zielen statt als detaillierte Arbeitsanleitung zu formulieren, damit Mitarbeiter auf Veränderungen reagieren können. Sicher nichts für Beamte alten Stils.

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© Harvard Business Manager 12/2005
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