Wachstum?

Was ist ...:

Von Cornelia Hegele-Raih
Heft 11/2004

Erst wenn scheinbar nichts mehr geht, versuchen Manager, das Phänomen Wachstum genauer zu verstehen. Zahlreiche Märkte sind gesättigt; das Wirtschaftswachstum stagniert in vielen Ländern; Rohstoffe sind endlich; die Umwelt muss geschont werden. Ist Wachstum unmöglich geworden? Oder fehlt es in den Unternehmen schlicht an Kreativität bei der Suche nach Wachstumschancen?

Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, die Geheimnisse erfolgreich wachsender Firmen zu ergründen. Das eine oder andere nützliche Rezept konnten sie dabei wohl herausdestillieren. Doch die allgemeingültige, umfassende Formel fanden sie nicht.

Theorie des Wachstums. Wachstum bedeutet zunächst nicht mehr als ein Größerwerden innerhalb eines bestimmten Zeitraums, in wirtschaftlichem Zusammenhang meist die Zunahme von Maßzahlen wie Umsatz, Ertrag oder Bruttoinlandsprodukt. All dies scheint in höchstem Maße selbstverständlich. Welche Wachstumsziele sinnvoll sind, können die Betriebs- und Volkswirte letztlich auch nicht sagen; sie sehen diese Ziele meist als extern gegeben an. Seit Adam Smith (1723 bis 1790) gilt Wohlstandsmehrung als übergeordnetes Ziel des Wirtschaftens. Wachstum (durch Produktivitätsfortschritte) dient dazu, es zu erreichen. Letztlich können normative Ziele aber nur durch "die Gesellschaft" gesetzt werden.

Unabhängig von angestrebten Zielen scheinen Systeme eine innere Tendenz zum Wachstum zu haben. Das beschrieb auf amüsante Weise der britische Historiker C. Northcote Parkinson (1909 bis 1993) in den 50er Jahren: Arbeit dehnt sich im selben Maße aus, wie Zeit zu ihrer Erledigung vorhanden ist; Organisationen werden immer größer, weil jeder Chef möglichst viele Mitarbeiter unter sich haben will.

Kondratieff-Zyklen. Trotz aller Anstrengungen zu wachsen, gibt es in Unternehmen und Volkswirtschaften bekanntlich immer wieder Phasen der Stagnation und des Schrumpfens. Eine beliebte, in ihrer Weiterentwicklung aber umstrittene Theorie zur Erklärung des Auf und Ab stammt vom russischen Ökonomen Nikolai D. Kondratieff (1892 bis 1938). Er wies nach: Die Wirtschaft unterliegt nicht nur kurzfristigen Konjunkturzyklen, sondern es gibt längere Perioden des Auf- und Abschwungs, die ungefähr 55 Jahre dauern. So genannte Basisinnovationen wie die Dampfmaschine oder die Informationstechnik lösen diese Zyklen aus und schaffen tief greifende gesellschaftliche Veränderungen.

Wachstum neu denken. Keine der Theorie kann den einzig richtigen Weg zum optimalen Wachstum aufzeigen. Aber Theorien helfen, weit verbreitete Annahmen zu hinterfragen. So gelangen wir vielleicht zu neuen Lösungen und Konzepten, die dazu auf ein passendes Umfeld treffen müssen. Dieser Prozess ist bisher leider nur begrenzt steuerbar.

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