Von Cornelia Geißler
Die Investmentbank Morgan Stanley
steht wegen angeblich unsauberer Geschäftspraktiken unter Beschuss, der Pharmakonzern Roche versuchte, sich durch illegale Preisabsprachen auf dem Markt für Vitaminpräparate einen Vorteil zu erschwindeln, das Medienunternehmen EMTV soll mit gezielten Fehlinformationen seinen Aktionären geschadet haben. Genau diese Art von Negativschlagzeilen wollen Unternehmen verhindern, indem sie Compliance Management betreiben. Einzelne Personen oder Gruppen sollen das Unternehmen selbst oder die Interessen der übrigen Stakeholder nicht schädigen können.
Im ökonomischen Zusammenhang geprägt hat den Begriff die US-Finanzbranche Ende der 80er Jahre. Die Firmen verpflichteten sich, ein System einzurichten, welches gewährleistete, dass sich alle Mitarbeiter an die rechtlichen Rahmenbedingungen hielten ("to comply": befolgen, erfüllen). Das betraf insbesondere Geldwäsche, Korruption und Insiderhandel.
Diese Selbstverpflichtung hatte einen handfesten Grund: Unternehmen wurden in den USA aufgrund von Rechtsverstößen zur Zahlung hoher Summen verurteilt. Ein funktionierendes Compliance-System einzurichten war die einzige Möglichkeit, sich vor derart kostspieligen Prozessen zu schützen: 1991 erfolgte eine Revision der "U. S. Federal Sentencing Guidelines". Dadurch war ein milderes Strafmaß möglich, wenn das Unternehmen nachweisen konnte, dass es den Mitarbeitern die wichtigsten Regelungen zugänglich gemacht und deren Einhaltung überwacht hatte.
Da immer mehr Finanzdienstleister Geschäftsbeziehungen mit den USA pflegten, schwappte diese Welle auch nach Europa und weitete sich schnell auf andere Branchen aus. Zunächst auf international operierende Konzerne, deren Markt streng reguliert ist, wie etwa Energie-, Pharma- oder Chemieunternehmen. Der Grund: Sie benötigten ein System, um der Komplexität sich ständig verändernder lokaler Vorschriften - etwa Kartellgesetze und Umweltschutzrichtlinien - Herr zu werden. So hoffen sie Risiken in diesem Bereich vorauszusehen, ehe es zu einem teuren Gerichtsprozess kommt.
"Wir achten die Gesetze und respektieren die allgemein anerkannten Gebräuche der Länder, in denen wir tätig sind."
Mittlerweile reicht das Einhalten formalrechtlicher Regelungen nicht mehr aus, um in der Öffentlichkeit einen glaubwürdigen Eindruck von Integrität zu präsentieren. Schritt für Schritt entwickeln Unternehmen darum zusätzlich Standesregeln und unternehmensspezifische Verhaltenskodizes ("Codes of Conduct").
Ethik verpflichtet
Größere Bedeutung erlangen in diesem Kontext allgemeine ethische Aspekte. Dazu gehört zum einen, mögliche Interessenkonflikte zwischen der Organisation und einzelnen Interessengruppen publik zu machen. So bekannte sich British Petroleum (BP) zur Förderung ökologischer Nachhaltigkeit, gerade weil das Raffineriegeschäft mit hohen Umweltrisiken einhergeht. Andere Firmen gehen mit Statements über Transparenz, Vertrauen und Nachhaltigkeit an die Öffentlichkeit. Die Einhaltung dieser Aussagen können Kunden, Mitarbeiter oder Aktionäre natürlich nicht vor Gericht einklagen. Dennoch bieten Firmen - falls sie ihnen zuwiderhandeln - freiwillig konkrete Ansatzpunkte für massive öffentliche Kritik. Auch sind Kredite von Institutionen wie der Weltbank häufig von einem funktionsfähigen Compliance-System abhängig.
Neue Berufsbilder
Wie wichtig das Thema für Unternehmen ist, zeigt sich daran, dass sie es immer stärker in ihrer Organisationsstruktur verankern. Viele Firmen leisten sich den im Topmanagement angesiedelten Chief Compliance Officer. In der Compliance-Abteilung der Schweizer Bank UBS
arbeiten in diesem Bereich zum Beispiel mehrere hundert Spezialisten. Viele sind Juristen oder Ökonomen, die ganz unterschiedliche Erfahrungshorizonte vorweisen können. Beim deutschen Energieversorger Eon
hat dagegen der Leiter der Revisionsabteilung das Thema Compliance Management übernommen.
Um diesen Bedarf abzudecken, sind neue Ausbildungswege gefragt. So gibt es in der Schweiz seit kurzem eine Schulung zum Compliance-Spezialisten. Informationen zu Kursen und Terminen unter: www.ifz.ch (Institut für Finanzdienstleistungen in Zug).