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Heft 6/2007: Kampf um die Talente | 08.01.2010

Was ist ...

eine Lead Factory?

Von Lothar Kuhn

Immer mehr Unternehmen bauen ein Netzwerk von Fabriken auf, die in verschiedenen Regionen der Welt produzieren. Sie wollen so näher bei ihren Kunden sein, Kostenvorteile in Billiglohnländern nutzen oder sich von Wechselkursschwankungen unabhängiger machen. Doch welche Rolle spielt dann noch das Stammwerk am Firmensitz? Werden die Arbeitsplätze dort verloren gehen?

Die Antwort auf diese Fragen lautet ganz salomonisch: Es kommt darauf an. Sportartikelhersteller wie Adidas Chart zeigen und Puma Chart zeigen produzieren fast nichts mehr in Deutschland. Die Einsparungen durch die Verlagerung der Turnschuhfertigung nach China oder Vietnam waren einfach zu groß. Andere Firmen wie der Automatisierungsexperte Bosch Rexroth stellen dagegen auch hierzulande noch neue Mitarbeiter in der Fertigung ein, obwohl sie gleichzeitig neue Werke in Osteuropa eröffnen.

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Eine Voraussetzung dafür ist, dass das Management von Bosch Rexroth auf das Konzept der Lead Factory (deutsch: Leitfabrik) setzt. Bei dieser Art eines Produktionsnetzwerkes übernehmen ein oder mehrere Werke eine Vorreiterrolle. In ihnen testen die Ingenieure aus Forschung und Entwicklung gemeinsam mit den Produktionsexperten innovative Herstellungsverfahren und die Fertigung neuer Produkte. Laufen die Prozesse in der Leitfabrik stabil, übertragen die Fachleute sie auf die übrigen Standorte. Das Unternehmen nutzt so die oft im Laufe von Jahrzehnten gesammelte Erfahrung im Stammwerk. Hier existieren meist auch etablierte Kontakte zu externen Produktionsexperten etwa an Hochschulen oder bei Zulieferern, die an Standorten im Ausland erst aufgebaut werden müssen.

Auf diese Weise sind zum Beispiel japanische Autohersteller wie Nissan Chart zeigen, Honda Chart zeigen und Toyota Chart zeigen bei ihrer Expansion nach Europa vorgegangen. Um direkt beim Kunden zu produzieren, aber auch um die noch vor einigen Jahren geltenden Importquoten für japanische Autos zu umgehen, eröffneten sie Werke meist in Ländern mit relativ niedrigen Löhnen (Spanien, Portugal, Osteuropa). Diese Fabriken kopierten dann die Fertigungsverfahren, die sich in den japanischen Leitwerken bewährt hatten; eigene Forschung und Entwicklung findet an diesen Standorten kaum statt.

Das Lead-Factory-Konzept lässt sich selbst auch wieder regional differenzieren. Aufzugshersteller wie Otis und ThyssenKrupp Chart zeigen haben etwa Leitwerke in verschiedenen Ländern. "In Spanien sitzt zum Beispiel die Lead Factory für die Aufzugstüren, in Deutschland die für Getriebe und in Italien die für Steuerungen", hat Professor Horst Wildemann, Produktions- und Logistikexperte der Technischen Universität München, beobachtet. Die Firmen nutzen so das an den jeweiligen Standorten vorhandene Wissen optimal und entlasten andere.

Über die Grenzen und Chancen des Konzepts Lead Factory wird gerade in der Wissenschaft verstärkt diskutiert. Beispielsweise startet Professor Thomas Friedli vom Institut für Technologiemanagement der Schweizer Universität St. Gallen derzeit eine Benchmarking-Studie, um zu ermitteln, wann die Einführung von Lead Factories für ein Unternehmen Sinn macht und wie ein entsprechendes Produktionsnetzwerk am besten gestaltet wird (Kontakt: thomas.friedli @unisg.ch).

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