Von Hanne Seelmann-Holzmann und Cornelia Hegele-Raih
3. Teil: China und die Stadtschönheiten
China.
Die 50-jährige Zhang Yin führte im Jahr 2005 mit einem geschätzten Vermögen von 3,4 Milliarden Dollar die Liste der reichsten Menschen Chinas an. Wirtschaftlichen Erfolg hatte sie mit dem Import von Altpapier aus den USA. Ihre Firma Nine Dragons Paper verdoppelte im vergangenen Jahr ihren Wert. Unter den 800 reichsten Chinesen finden sich zwar "nur" 65 Frauen, aber dieser Anteil ist doch beträchtlich, wenn man bedenkt, dass sich der Reichtum auch im Westen zumeist bei den Männern konzentriert.
In China sind Geschäftsfrauen genauso akzeptiert wie im Westen. Dies ist jedoch nicht unbedingt ein Zeichen für Gleichberechtigung.
Auch wenn wir es angesichts der modernen, westlich gestylten Zentren des neuen Kapitalismus nicht glauben wollen: Die chinesische Gesellschaft ist selbst nach 50 Jahren Kommunismus im Kern konfuzianisch geprägt. Im Regelwerk von Konfuzius, dem einflussreichsten Philosophen Chinas, der um 560 vor Christus lebte, gibt es eine klare Hierarchie zwischen Mann und Frau. Im "Li Gi", dem Buch der Riten, heißt es: Sie hat die Pflicht zu dreifachem Gehorsam. Zu Hause ist sie dem Vater unterworfen, in der Ehe dem Gatten und nach dem Tode des Gatten dem ältesten Sohn. Sie wagt in nichts, ihrem eigenen Kopf zu folgen; und ihr Platz ist im Haus. Ihre wichtigste Pflicht ist es, ihre Aufgaben gegenüber ihren Schwiegereltern und dem Ehemann zu erfüllen. Und vor allem soll sie einen Sohn gebären.
Geschäftsleute, die auf eine der modern wirkenden jungen, selbstbewussten, ehrgeizigen und geschäftserfahrenen Chinesinnen treffen, werden wohl kaum auf die Idee kommen, dass derartige Überzeugungen nach wie vor das Verhältnis der Geschlechter prägen. Sie erleben, dass im heutigen Geschäftsleben Chinas Frauen genauso akzeptiert werden wie im Westen. Diese Situation ist jedoch Ergebnis einer einzigartigen historischen Situation: Aufgrund der Ein-Kind-Politik Chinas, die 1979 eingeführt wurde, findet man in China heute das weltweit größte Ungleichgewicht im Verhältnis der Geschlechter. Im Landesdurchschnitt stehen 100 neugeborenen Mädchen 117 Jungen gegenüber. Am schlimmsten ist die Situation in der Provinz Jiangsu mit einem Verhältnis von 165 Jungen zu 100 Mädchen bei Kindern im Alter von ein bis vier Jahren.
Die Tatsache, dass westliche Geschäftsleute in den Unternehmen oftmals gut qualifizierten chinesischen Frauen begegnen, ist daher nicht unbedingt ein Beweis für Gleichberechtigung und gleiche Chancen. Zuallererst ist der Grund ein strukturelles Problem. Obwohl jedes Jahr eine große Zahl von Studenten die Universitäten verlässt, herrscht Mangel an Absolventen, die über jene Qualifikationen verfügen, die westliche Firmen benötigen. Junge Chinesinnen greifen deshalb mit beiden Händen nach der einmaligen Chance, Karriere zu machen und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.
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