Von Holger Rust
Im Juni 1999 trafen sich die Bildungsminister der Europäischen Union in Bologna, in jener Stadt, die aufgrund ihrer kulinarischen Hochkultur den Beinamen "la grassa" trägt, die Opulente. Dort verabredeten sie eine Studienreform, die im krassen Gegensatz zu diesem kulinarischen Attribut asketisch abgemagert daherkommt: die Umstellung aller Studiengänge auf eine sechssemestrige Basis ("Bachelor" genannt), ergänzt durch die Möglichkeit eines viersemestrigen Aufbaustudiums ("Master"). Neben einer im tollsten Bürokraten-Anglizismus sogenannten "Employability" war das vordringlichste Argument dies: die Verjüngung der Absolventenschar, die bislang viel zu alt sei, wenn sie ins Berufsleben eintrete.
Das Argument wirkt umso irritierender, als sich nach allen Forschungen über Voraussetzungen eines nachhaltigen Erfolgs als wichtigste Faktoren nicht Jugend, sondern Persönlichkeit und Erfahrung erweisen. Nur wird es für den Nachwuchs nach dieser Reform weit schwieriger, außerhalb der doch sehr verschulten Strukturen sich selbst zu erkunden - etwa neben dem durchorganisierten Modulsystem ihrer Studienfächer die als Ausweis von Persönlichkeit und Erfahrung geforderten Soft Skills zu entwickeln. Und nun wird's komisch: Damit diese Soft Skills auch verbindlich gepflegt werden, sind sie Prüfungsfach geworden. So tun die Eleven also, was man von ihnen verlangt, erwerben Credit Point um Point, wie der Schlurf an der Ecke, der bei jeder kleinen Handreichung fragt: Was krieg ich dafür? Mag sein, dass dieses Verfahren in der Tat eine gute Vorbereitung auf streng durchgetaktete Routinetätigkeiten darstellt. Aber lassen wir die Jungen dazu studieren?
Natürlich nicht. Sie studieren, um zu prüfen, wer sie sind und wo in dieser herausfordernden Zukunft sie ihren optimalen Platz finden könnten. So sollte es zumindest sein, weil - und in diesem Falle gilt sogar die oft verspottete Begründung - es nämlich immer so war.
Es ist nicht nachvollziehbar, wenn Topmanager ihren Nachfolgerinnen und Nachfolgern diese Chancen versperren. Vielleicht sollte man sie alle noch einmal nach Bologna schicken, wo ihnen ein paar junge kulinarische Abenteurer Wege zu Trattorien und Pizzerien abseits der Gourmetszene zeigen. Dort könnten sie dann in den frühen Morgenstunden darüber nachdenken, was Bildung wirklich bedeutet.
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