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Text minus plus
Heft 11/2008: Spezial | 29.12.2008

Kolumne

Weitsichtige Zwerge

Von Holger Rust

Wie Wissen gleichzeitig bewahrt und erweitert werden kann, erklärt HBM-Kolumnist Holger Rust in seiner monatlichen Kolumne.

Die Geschichte, die ich hier erzählen will, sozusagen als Hintergrundbericht zu einer kleinen Spruchweisheit zum Thema dieses Heftes, beginnt irgendwann in den 60er Jahren im Büro des Soziologen Robert K. Merton - nicht zu verwechseln, aber verwandt mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Robert C. Merton: Robert K. ist der Vater.

  Holger Rust  ist HBM-Kolumnist und Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover
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Holger Rust ist HBM-Kolumnist und Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover

© Felix Scheinberger
Der lehrte an der Columbia University. Dass diese Geschichte dennoch hier im Bannkreis der Harvard Business School erzählt werden darf, zeugt von weitherziger Gelassenheit und davon, dass das Wissen der Welt von keinem allein produziert wird, nicht mal von der HBS. Wobei man erwähnen muss, dass der akademische Lehrer von Merton sen., Talcott Parsons, Soziologieprofessor in Harvard war, und dass der Sohn, Merton jr., heute an der HBS lehrt. Irgendwie lässt sich am Ende wohl jede Geschichte mit Harvard in irgendeinen Zusammenhang bringen. Nun ja: Eines Tages also in diesen Jahren legte der Historiker Bernard Bailey (Harvard-Professor, was sonst) seinem Kollegen Merton einen kleinen Zettel mit einer kleinen Frage auf den Schreibtisch: Woher, wollte der Historiker wissen, stammt eigentlich das Sprichwort, dass Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, weiter sehen als die Riesen selbst?

Merton war darauf spezialisiert, wie Wissen im sozialen Kontext entsteht, und verfügte über ein gigantisches Archiv. Und so erhielt der verwunderte Bailey Wochen später ein über 200 Seiten starkes Dossier, das dem Spruch in die tiefsten Tiefen der Geschichte nachspürte, ihn in ungezählten Texten wohlformuliert und in sakralen Bauwerken aller Jahrhunderte in Stein gemeißelt fand, auf Gemälden festgehalten und in Traktaten auf vielfältige Weise zur einfachen Weisheit verdichtet, dass nämlich mühsam erarbeitetes Wissen gleichzeitig bewahrt und erweitert werden kann. Die Zwerge symbolisierten die Jugend, die Riesen die Altvordern. Auf deren Schultern also saß der kecke Nachwuchs und berichtete nach unten, zu welch erweiterten Horizonten man aufbrechen könnte.

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Wenige Jahre später kam das Skript als Buch auf den Markt - auch auf Deutsch: "Auf den Schultern von Riesen". Es war schnell vergriffen und ist erst kürzlich wieder als Taschenbuch bei Suhrkamp neu aufgelegt worden. Ein Geheimtipp für die Literaturliste des Managements mit einer klaren Botschaft: Es ist unergiebig und fahrlässig, die Zwerge nur bei der Hand zu nehmen und in den niederen Bahnen von Tradition und Habitus zu führen, wie das oft geschieht. Solche Zwerge gehen dann bei Fuß und finden ihre Horizonte in Kniehöhe. Doch Vorsicht: Auch sie werden eines Tages den Riesen auf die Schultern steigen, unbemerkt und heimlich, um endlich selbst den Horizont zu sehen. Und wie wir aus der Weisheit der Märchen wissen: Zwerge sind durchaus schnell gereizt. Wenn sie genug gesehen haben, springen sie ab, nehmen das Wissen mit und gründen neue Industrien, die den Alten Feuer unterm Hintern machen. Dann tanzen sie. Und wachsen. Und weil sie klug geworden sind, nehmen sie neue Zwerge auf ihre Schultern, wohl wissend, dass beim Aufbruch in die Zukunft uralte Geheimnisse nicht ignoriert werden dürfen.


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