Von Holger Rust
Die Geschichte, die ich hier erzählen will, sozusagen als Hintergrundbericht zu einer kleinen Spruchweisheit zum Thema dieses Heftes, beginnt irgendwann in den 60er Jahren im Büro des Soziologen Robert K. Merton - nicht zu verwechseln, aber verwandt mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Robert C. Merton: Robert K. ist der Vater.
Der lehrte an der Columbia University. Dass diese Geschichte dennoch hier im Bannkreis der Harvard Business School erzählt werden darf, zeugt von weitherziger Gelassenheit und davon, dass das Wissen der Welt von keinem allein produziert wird, nicht mal von der HBS. Wobei man erwähnen muss, dass der akademische Lehrer von Merton sen., Talcott Parsons, Soziologieprofessor in Harvard war, und dass der Sohn, Merton jr., heute an der HBS lehrt. Irgendwie lässt sich am Ende wohl jede Geschichte mit Harvard in irgendeinen Zusammenhang bringen. Nun ja: Eines Tages also in diesen Jahren legte der Historiker Bernard Bailey (Harvard-Professor, was sonst) seinem Kollegen Merton einen kleinen Zettel mit einer kleinen Frage auf den Schreibtisch: Woher, wollte der Historiker wissen, stammt eigentlich das Sprichwort, dass Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, weiter sehen als die Riesen selbst?
Merton war darauf spezialisiert, wie Wissen im sozialen Kontext entsteht, und verfügte über ein gigantisches Archiv. Und so erhielt der verwunderte Bailey Wochen später ein über 200 Seiten starkes Dossier, das dem Spruch in die tiefsten Tiefen der Geschichte nachspürte, ihn in ungezählten Texten wohlformuliert und in sakralen Bauwerken aller Jahrhunderte in Stein gemeißelt fand, auf Gemälden festgehalten und in Traktaten auf vielfältige Weise zur einfachen Weisheit verdichtet, dass nämlich mühsam erarbeitetes Wissen gleichzeitig bewahrt und erweitert werden kann. Die Zwerge symbolisierten die Jugend, die Riesen die Altvordern. Auf deren Schultern also saß der kecke Nachwuchs und berichtete nach unten, zu welch erweiterten Horizonten man aufbrechen könnte.
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