Von Holger Rust
Warum die sogenannte "kreative Klasse" die High Potentials ablöst und was davon zu halten ist, erklärt HBM-Kolumnist Holger Rust in seiner monatlichen Kolumne.
Damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf dem Laufenden bleiben: Die "High Potentials" heißen nicht mehr so. Nun ist ein neuer Sammelbegriff auf dem Markt und erobert die Medien: "kreative Klasse". Das Label tauchte zum ersten Mal 2002 auf, erdacht von einem Boulevardsoziologen namens Richard Florida, dem es gelang, seine Kopfgeburt weltweit in den Medien zu platzieren. Die Mitglieder dieser "Klasse" zeichneten sich, sagt Florida, durch drei T aus: Talent, Toleranz, Technologieaffinität. Dazu: ein lockeres Portemonnaie. Die Städte, in denen sie sich niederließen, würden prächtig prosperieren. Floridas Beratungsgeschäft mit dem eigens erfundenen Creativity Index jedenfalls florierte, und Medien und Politiker balgten sich darum, ihre Region dieser jungen Elite durch gute Plätze im Ranking als künftige Herberge zu empfehlen. Was wie üblich haufenweise Trittbrettfahrer auf den Plan rief, die im wenig kreativen Nachvollzug der Grundidee leichte Geschäfte witterten und weitere Rankings verschickten. So weit, so durchsichtig.
Undurchsichtig indes ist allerdings bislang, was man haben muss, um dazuzugehören. Also habe ich mir die Berichte mal angeschaut, um eine Art Handbuch zu verfassen. Die Leute sollen einen ja erkennen und raunen: "Hey - der ist von der kreativen Klasse."
Das Wichtigste ist natürlich der Beruf. Genannt wurden unter anderem: Autoren, Schauspieler, Regisseure, Architekten, Fotografen, Forscher, Softwaregestalter. Natürlich auch Werber, Texter, Berater, Medientrainer und Mediatoren, dazu ein paar sehr seltsame Vertreter wie Life-Coaches, Zähne-Wellness-Spezialisten oder Trauer-Ritualisten. Offensichtlich besteht die kreative Klasse also aus pfiffigen Dienstleistern.
Und genau deshalb tut sich eine kleine knirschende Frage auf: Woher kommt das Geld? Bezahlt der Texter seinen Zähne-Wellness-Guru mit dem Honorar, das er durch einen Werbeauftrag für den Life-Coach verdient hat, der dem Zähne-Wellness-Guru die Probleme des Alltags erläutert?
Das ist ungefähr so logisch wie ein Perpetuum mobile.
Die Antwort indes ist einfach und enthält drei P: Produktivität, Patente und - Provinz. Da wird das Geld verdient, das diese Dienstleistungen erst möglich macht. Und zwar in der Industrie, wo findige Unternehmer Weltmarktführer sind - als Maschinen- und Anlagenbauer, Zulieferer für die Flugzeug- und Autoindustrie, Hersteller von Walzlagern und neuen Werkstoffen.
Aber die zählen irgendwie nicht zur kreativen Klasse.
Vielleicht, um auf das Handbuch zurückzukommen, weil ein paar trendige Attribute fehlen, weil sie lieber Filter-kaffee trinken als Latte macchiato und dann auch noch die falschen Möbel haben - kreative Klasse ohne Barcelona Chair und Le-Corbusier-Sofa LC 4 und die spinnenbeinige Zitruspresse von Alessi geht nämlich gar nicht. TV und Soundsysteme bitte von B&O oder Harman Kardon. Das alles natürlich im Industrieloft, im eng umfriedeten angesagten Stadtteil der hochgerankten Metropole. Schließlich ist man die zurzeit zumindest medial herrschende Klasse, auch wenn man von der Produktivität anderer lebt. Aber das war ja immer schon ein Element der Klassentheorie.
Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.