Die Macht von Geschichten

Erfolg:

Von Peter Guber
Heft 3/2008

In meinem Beruf geht es darum, packende Geschichten zu erzählen. Für mich als Filmproduzent ist es entscheidend, zu verstehen, weshalb eine Geschichte das Publikum berührt und zum Kassenknüller wird, während eine andere die Zuschauer kaltlässt.

Ich hatte das Glück, mit einigen der talentiertesten Geschichtenerzähler der Welt zusammenarbeiten zu dürfen - mit begabten Regisseuren, Schriftstellern, Drehbuchautoren, Schauspielern und anderen an der Filmproduktion Beteiligten. Von ihnen habe ich eine Menge darüber gelernt, was eine gute Geschichte ausmacht. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ein Kassenknüller lässt sich natürlich nicht planen, und auch ich habe meinen Teil an Flops zu verantworten. Doch durch meine Erfahrung habe ich zumindest eine klare Vorstellung davon gewonnen, welche zentralen Elemente eine Geschichte aufweisen muss und wie man sie wirkungsvoll in Szene setzt.

Die Macht des Geschichtenerzählens ist außerdem wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit als Manager und Unternehmer. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass die Fähigkeit, die eigene Geschichte oder die des Unternehmens überzeugend vermitteln zu können, in fast jeder Phase der Unternehmensführung wichtig ist. Das gilt für die gesamte unternehmerische Nahrungskette: Ein toller Verkäufer versteht es, eine Geschichte zu erzählen, in der das Produkt der Held ist. Ein erfolgreicher Manager kann sein Team zu Höchstleistungen anspornen mit einer Geschichte, die verdeutlicht, dass es für zeitweilige Opfer langfristig belohnt wird. Ein effektiver CEO, der Investoren und Partner gewinnen, ehrgeizige Ziele setzen und seine Mitarbeiter motivieren will, erzählt eine anrührende Geschichte, um die Mission des Unternehmens zu umschreiben.

Gelegentlich gelingt es mithilfe einer kunstvoll erzählten Geschichte sogar, in einer scheinbar aussichtslosen Situation ganz überraschend eine triumphale Wende herbeizuführen.

Mitte der 80er Jahre produzierte ich bei PolyGram eine Fernsehserie namens "Oceanquest". Die Serie führte erfahrene Taucher und Wissenschaftler um die ganze Welt - von der Antarktis über Baja California bis nach Mikronesien -, wo ihre Abenteuer im Wasser gefilmt wurden. Mit dabei war auch die ehemalige Miss Universum, Shawn Weatherly, die als Novizin stellvertretend für die Zuschauer zu Hause engagiert worden war.

Einer der geplanten Teile, die für den Erfolg der Serie als entscheidend galten, drehte sich um die Erkundung der verbotenen Gewässer im Hafen von Havanna, wohin Galeonen und Piratenschiffe seit dem 16. Jahrhundert Schätze transportiert hatten. Es gab da nur ein Problem: Weder der US-Regierung noch dem kommunistischen Regime von Fidel Castro war daran gelegen, dass ein amerikanisches Team dort einen Film drehte.

Nachdem wir beteuert hatten, unsere Mission habe rein wissenschaftliche und friedliche Zwecke, erhielten wir schließlich mit Unterstützung der ehemaligen Außenminister Henry Kissinger und Alexander Haig die Genehmigung des US-Außenministeriums. Als noch schwieriger erwies es sich allerdings, von der kubanischen Regierung grünes Licht für die Unterwasseraufnahmen zu bekommen. Wir spekulierten darauf, dass wir die Genehmigung früher oder später bekommen würden, und reisten nach Kuba. Dort stellten wir in der Marina Hemingway unser Equipment auf, und während wir auf Nachricht von der kubanischen Regierung warteten, machten wir an verschiedenen Orten einige Überwasseraufnahmen. Die Kosten, die das Projekt schon verursacht hatte und die sich womöglich nie wieder hereinholen ließen, gingen in die Millionen.

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