Von Peter Guber
9. Teil: "Fast immer stehende Ovationen"
Eine der kreativsten Führungskräfte in der Wirtschaft ist Muhammad Yunus, Gründer der Grameen Bank in Bangladesch und Wegbereiter der Mikrokredit-Bewegung, die Kleinstdarlehen für Mittellose propagiert. Wenn Yunus sich um potenzielle Partner bemüht, die Mikrokredite unterstützen sollen, erzählt er die folgende Geschichte in der einen oder anderen Version:
"Was Armut in Bangladesch wirklich bedeutet, habe ich von einer Dorfbewohnerin namens Sufiya Begum gelernt. Wie viele Frauen im Dorf lebte Sufiya mit ihrem Mann und ihren kleinen Kindern in einer maroden Lehmhütte mit undichtem Strohdach. Um zum Lebensunterhalt ihrer Familie beizutragen, fertigte Sufiya in ihrem matschigen Hinterhof den ganzen Tag lang Bambushocker. Trotz ihrer harten Arbeit schaffte sie es jedoch nicht, ihre Familie von der Armut zu befreien. Warum?"
Natürlich ist das "Warum?" eine rhetorische Frage. Doch damit lässt sich die Neugier der Zuhörer wecken, sodass diese gespannt auf die Antwort warten, die Yunus ihnen auch postwendend gibt.
"Wie viele andere im Dorf war Sufiya darauf angewiesen, dass der örtliche Geldverleiher ihr die Mittel gab, um den Bambus für ihre Hocker zu kaufen. Doch dieser gab ihr das Geld nur unter der Bedingung, dass er allein das Recht haben würde, alle von ihr hergestellten Hocker zu einem von ihm festgelegten Preis zu kaufen. Damit nicht genug - er berechnete horrende Zinsen, von 10 Prozent pro Woche bis hin zu 10 Prozent pro Tag. Sufiya war nicht die einzige Betroffene. Ich habe eine Liste mit den Opfern dieses Halsabschneiders im Dorf Jobra erstellt. Als ich fertig war, standen 42 Namen auf der Liste, deren Kredite zusammen insgesamt 856 Taka ausmachten, was weniger als 27 Dollar entspricht. Das war eine echte Lektion für mich, den Wirtschaftswissenschaftler! Um diese Opfer aus den Fängen des Geldverleihers zu befreien, bot ich ihnen 27 Dollar aus meiner eigenen Tasche an. Die Aufregung, die dieser Vorstoß unter den Menschen verursachte, hat mich dazu gebracht, mich weiter zu engagieren. Wenn ich so viele Menschen mit einem so geringen Betrag glücklich machen konnte, warum dann nicht noch mehr? Seitdem ist dies meine Mission."
Wenn Yunus diese Geschichte über den Ursprung der Mikrokredite erzählt, dann lässt das niemanden unter seinen Zuhörern kalt, ob er nun Banker ist, CEO oder ein hoher Regierungsvertreter. Sie lassen sich vom emotionalen Spannungsbogen der Geschichte tragen, die im Jahr 2006 ihren Höhepunkt fand, als Yunus und die Grameen Bank gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. Wenn Yunus die Zuhörer am Ende seiner Geschichte bittet mitzuhelfen, allen Armen auf der Welt erschwingliche Kredite zu verschaffen, bekommt er fast immer stehende Ovationen - sowie eine wahre Flut von Unterstützungszusagen.
Fazit
Seit der Zeit der Schamanen hat sich die Form des Geschichtenerzählens ständig weiterentwickelt. In literarischen Gattungen von der epischen Dichtung über das Drama bis hin zum Roman werden Geschichten als Aufrufe zu politischem oder sozialem Handeln eingesetzt. Technische Innovationen - Buchdruck, Film, Radio, Fernsehen, das Internet - haben neue Möglichkeiten der Aufzeichnung, Darstellung und Verbreitung von Geschichten eröffnet.
Letzten Endes sind die Worte und Ideen, die die Gefühle der Zuhörer ansprechen, maßgeblich dafür, ob eine Geschichte ihren Zweck erfüllt. Die Tradition der mündlichen Überlieferung liegt im Zentrum unserer Fähigkeit, andere zu motivieren, zu überzeugen, zu inspirieren, mitzureißen und zu führen.
Fotostrecke: Geschichten gut erzählen
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