Ab ins Eisbad

Gesundheit:

Mit Geert A. Buijze sprach Alison Beard
Heft 1/2019
DPA
Verteidigen Sie Ihre Forschung
  • Jeden Monat überprüfen wir die Thesen eines Wissenschaftlers zu einem aktuellen Forschungsprojekt.

Kalt duschen gilt schon länger als Allheilmittel. Warum haben Sie das untersucht?

Buijze: Unsere Studie ist der erste hochrangige Beweis dafür, dass kalte Duschen die Gesundheit verbessern können. Teilnehmer, die mindestens 30 Sekunden lang den Wasserhahn auf kalt drehten, und das einen Monat konsequent machten, meldeten sich zu 29 Prozent seltener krank als unsere Kontrollgruppe. Und sogar zu 54 Prozent seltener, wenn sie zusätzlich regelmäßig Sport machten.

Aber warum macht uns kaltes Duschen gesünder?

Buijze: Es bewirkt einen feinen Unterschied: Die Teilnehmer, die kalt duschten, berichteten uns, dass sie sich durchaus an ähnlich vielen Tagen krank fühlten wie die Kontrollgruppe. Aber entweder waren die Symptome nicht so stark oder sie fühlten sich insgesamt fitter, sodass sie besser durchhielten und trotzdem zur Arbeit gingen. Der genaue Effekt auf das Immunsystem ist unklar, aber wir haben einige Hinweise darauf, wie es funktionieren könnte. Niedrige Temperaturen lassen uns zittern - eine automatische Reaktion des Körpers, um sich warmzuhalten. Sie löst neuroendokrine Effekte und eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion aus, die Hormone wie Cortisol ansteigen lassen, gefolgt von einer Entspannungsreaktion. Zusätzlich aktivieren niedrige Temperaturen das braune - auch "gute" - Körperfett.

Welchen Effekt hat das?

Buijze: Braunes Fett macht uns nicht weniger anfällig, aber es wirkt sich auf die Wärmeregulierung unseres Körpers aus. Es hält den Körper warm, indem es Kalorien verbrennt. Es kann den Stoffwechsel unterstützen und bei der Kontrolle des Blutzuckerspiegels hilfreich sein. Damit kann das Risiko für Übergewicht und Diabetes reduziert werden.

Könnte es nicht sein, dass sich die Menschen einfach nur besser fühlen?

Buijze: Das können wir nicht ausschließen, aber selbst wenn es sich nur um ein psychologisches Phänomen handeln sollte, hätte ich kein Problem damit. Der Placeboeffekt hat in der Medizin einen schlechten Ruf, aber in Bio- und Gesundheitswissenschaften ist jeder heilsame Effekt, der ohne Medikamente erreicht wird, eine gute Nachricht. Auch Placebos verlassen sich auf neurobiologische Funktionsweisen.

Aber es ist doch eigentlich verwerflich, wenn Menschen zur Arbeit gehen, obwohl sie sich krank fühlen.

Buijze: Nicht unbedingt, besonders wenn ihre Beschwerden nicht zu stark sind. Die meisten von uns arbeiten zum Beispiel mit einer normalen Erkältung einfach weiter. Natürlich sollten wir trotzdem Hygienemaßnahmen zur Vorsorge treffen - Hände waschen, beim Husten die Hand vor den Mund halten -, um unsere Kollegen vor Krankheitserregern zu schützen.

Warum haben Sie kalte Duschen untersucht, statt offensichtlichere Methoden wie Sport oder Diäten?

Buijze: Frühere Studien haben gezeigt, dass Sport das Immunsystem stärken kann. Aber ich kenne keine Untersuchung, die dies auch für irgendein tägliches Ritual oder eine Gewohnheit nachgewiesen hat. Forschungen zu Nahrungsergänzungsmitteln haben zum Beispiel keine eindeutigen Ergebnisse gebracht. Während eine Mangelernährung das Immunsystem schwächen kann, ist der gegenteilige Effekt für sogenanntes Superfood bislang nicht belegt. Kalte Duschen interessieren uns deshalb besonders, weil es im Laufe der Geschichte und über Kulturen hinweg unterschiedliche Behauptungen über ihre Wirksamkeit gegeben hat. Hippokrates, der Vater der Medizin, hat seinen Patienten kalte Bäder verschrieben. In der Antike gab es ein Ritual, bei dem sich die Menschen durch Räume mit steigenden Temperaturen bewegten - und dann in ein kaltes Becken sprangen. Daher der lateinische Begriff Frigidarium. Diese Praktiken gibt es immer noch in Wellnesseinrichtungen überall auf der Welt. Und Sportler nehmen Eisbäder, um lokale Entzündungen und Schmerzen zu vermeiden und Erholungszeiten nach Verletzungen zu verkürzen.

Wir haben uns auch vom Niederländer Wim Hof inspirieren lassen, der als "The Iceman" bekannt ist. Er hat seinen Körper mit Kälte- und Atemübungen darauf trainiert, eisige Temperaturen bis zu zwei Stunden aushalten zu können, und bringt dies auch anderen Menschen bei. Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass gesunde Erwachsene diese Techniken anwenden können, um ihr Immunsystem gezielt zu stärken, wenn sie mit einem Erreger infiziert wurden. Die Symptome sind dann schwächer und treten seltener auf. Ich wurde gebeten, an einem Buch über kalte Duschen mitzuwirken. Der Autor wollte einen medizinischen Experten im Team. Ich sagte ab, weil ich lieber die Effekte untersuchen wollte.

Wie kalt ist denn kalt?

Buijze: Wir haben unsere Teilnehmer gebeten, genauso wie immer zu duschen - also so heiß und so lange sie wollten. Erst danach sollten sie den Wasserhahn auf so kalt wie möglich drehen und so lange kalt duschen, wie wir angewiesen hatten. Die Studie fand in den Wintermonaten in den Niederlanden statt, zwischen 1. Januar und dem 1. April, wenn das Wasser in den meisten Häusern zwischen 10 und 12 Grad kalt ist - was wirklich kalt ist. Eigentlich ein Wunder, dass wir mehr als 4000 Freiwillige hatten, von denen wir 3000 in die Studie aufnahmen.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Ausgabe 1/2019


Das Ende der Bürokratie

Wie der chinesische Konzern Haier das Management neu erfindet - und was deutsche Unternehmen davon lernen können

Artikel
© Harvard Business Manager 1/2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
Die neuesten Blogs
Nach oben