Lokal, digital - oder beides?

Heft 12/2018
Niklas Birner für Harvard Business Manager

7. Teil: Expertin: Janine Seitz

"Kooperationen untereinander einzugehen, ist das A und O für einen zukunftsfähigen Handel."

Leider erscheint die Situation so verfahren, weil alle Beteiligten in einem Entweder-oder-Denken gefangen sind. Entweder man investiert in eine gemeinsame digitale Einkaufsplattform, oder man setzt auf Strategien, das eigene Business voranzutreiben. Doch in der digitalisierten, vernetzten Welt reicht es nicht mehr aus, den Blick nur auf das Eigene zu fokussieren. Denn was hat Wilhelm Karrer davon, wenn er in seinem Kaufhaus mehr Veranstaltungen anbietet und weitere Parkplätze schafft und um sein Kaufhaus herum ein Laden nach dem anderen schließt und sich Leerstand in der Innenstadt breitmacht? Kooperationen untereinander, aber auch branchenübergreifend einzugehen ist das A und O für einen zukunftsfähigen Handel.

Local-Commerce-Plattformen bieten vor allem kleinen, inhabergeführten Geschäften die Möglichkeit, sich online zu präsentieren. Dies ist vor allem für die "Kleinen" eine große Chance, eine betreute Onlinepräsenz zu bekommen. Ein Kaufhaus, das eine eigene Website betreibt, hat weniger davon. Und doch würde dieser gemeinsame Onlineauftritt der Händler von Heide vor allem eines zeigen: Zusammenhalt! Es zeigt den Mut und Willen der lokalen Retailer, gemeinschaftlich Playern wie Amazon und Co. zu trotzen. Denn in einem hat der stationäre Handel einen ganz klaren Vorteil: Er hat eine soziale und kulturelle Funktion, er ist Teil einer gewachsenen Stadt und des Zusammenlebens von Menschen an diesem Ort. Diese Lebendigkeit und Einzigartigkeit gilt es auf der Plattform zu vermitteln.

Das macht einen anderen Aspekt jedoch auch klar: Eine Local-Commerce-Plattform ist nicht in erster Linie eine reine Verkaufsplattform, wie es Amazon oder Zalando sind. Sie ist dazu da, Händlern ein Gesicht zu geben, um mehr über die Menschen hinter den angebotenen Produkten und Services zu erfahren. Sie bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen. Wer diese Plattform lediglich als digitale Erweiterung des Verkaufsorts versteht, wird enttäuscht werden. Das muss allen Beteiligten klar sein. Denn wie der Name schon sagt, dienen Local-Commerce-Plattformen dem lokalen Verkaufen und Einkaufen. Eine Studie des Kölner Handelsinstituts ECC belegt, dass 45 Prozent - also beinahe die Hälfte - aller stationären Einkäufe online vorbereitet werden: Der Kunde recherchiert also im Netz, bevor er im Laden kauft. Wichtig hierfür ist, dass die Warenverfügbarkeit online abgebildet ist - der Kunde möchte wissen, ob er ein Produkt auch wirklich bekommt, wenn er im Laden vorbeischaut.

Der gemeinschaftliche Onlineauftritt von Händlern ist damit vor allem eines: eine Kommunikations- und Informationsplattform. Es kann eine mutige und engagierte Kampfansage gegen die Online-Pure-Player sein, die mit immer noch günstigeren Preisen punkten wollen. Doch solch eine Plattform setzt Optimismus und Selbstbewusstsein voraus. Die stationären Händler müssen sich ihrer Stärken bewusst sein und dieses gemeinschaftliche Projekt auch wirklich wollen. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, kann es funktionieren. Ansonsten ist es in der Tat rausgeworfenes Geld und kann zu weiteren Zerwürfnissen der lokalen Händler führen. Wenn es die Händler mit Unterstützung der Stadt Heide schaffen, die Stärken des Internets für sich zu nutzen, um die Menschen mit gemeinsamen Events, interessanten Angeboten und einem hervorragenden Service in die Stadt zu locken, ist das Projekt lokale Onlineplattform gelungen.

Janine Seitz ist Expertin für die Zukunft des Handels beim Zukunftsinstitut. Als Koautorin des "Retail Reports" beschäftigt sie sich regelmäßig mit den Trends und wichtigen Veränderungen der Handelslandschaft.

Ausgabe 12/2018


Neugier

Wie Manager und Mitarbeiter innovativer werden

Artikel
© Harvard Business Manager 12/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

Kein Zen im Kleiderschrank


...und andere Glossen aus dem Harvard Business Manager

Nach oben