Lokal, digital - oder beides?

Heft 12/2018
Niklas Birner für Harvard Business Manager

6. Teil: Experte: Andreas Haderlein

"Karrer sollte die Finger von einem Onlinemarktplatz lassen, denn er ist Händler, kein Veränderungs- und Kooperationsmanager."

Wilhelm Karrer führt sein Kaufhaus offensichtlich gut und scheint mit seinen Maßnahmen bisher adäquate Antworten auf den Strukturwandel im stationären Handel gefunden zu haben. In seiner Rolle als Kümmerer beziehungsweise Vorstand der Händlergemeinschaft sollte er jedoch zumindest als Projektverantwortlicher die Finger vom Onlinemarktplatz lassen. Denn er ist Händler, kein Veränderungs- und Kooperationsmanager. Nur ein solcher nämlich könnte als "Kümmerer 2.0" den Onlinemarktplatz entlang der Projektphasen managen und moderieren und eine heterogene Händlerschaft gemeinsam an einem Strang ziehen lassen.

Sollte sich die Händlergemeinschaft dennoch auf einen Onlinemarktplatz verständigen, müssen einige Voraussetzungen gegeben sein: Zum einen sollte es ein vertriebsorientierter lokaler Onlinemarktplatz eines etablierten Local-Commerce-Infrastrukturgebers sein, der mittels eines sogenannten Multi-Vendor-Onlineshops die Darstellung von Produkten samt Angabe von Preis und Vor-Ort-Verfügbarkeit unterschiedlicher lokaler Händler möglich macht. Weiterhin sollte ein solches Marktplatzkonzept Dienstleister, Handwerksunternehmen und Gastronomen der Stadt gut integrieren können und einen durchdachten Check-out-Prozess samt Logistiklösung vorweisen können. Services wie ein Eventkalender, ein Terminvereinbarungstool oder Informationen zum Parkplatzangebot in der Stadt wären natürlich auch nicht schlecht.

Zum anderen müssten sich die Händler und das Citymanagement über ihre Zielsetzung im Klaren sein. Wollen sie eine starke lokale Onlinemarke in den Köpfen der lokalen Konsumbevölkerung verankern - vielleicht in Kooperation mit weiteren städtischen Akteuren und Institutionen? Erkennt die Stadt, dass Digitalisierung als kommunalstrategisches Themenfeld ernst genommen werden muss?

Wie sollte ein solches Projekt dann angegangen werden? Karrer kann als Gewerbevereinsvorstand anregen, eben diesen "Kümmerer 2.0" als Projektverantwortlichen über das Citymanagement, die Händlerschaft und möglicherweise weitere Partner als öffentlich-privates Digitalprojekt kozufinanzieren. Dazu können auch Fördergeldtöpfe auf Landes-, Bundes- oder EU-Ebene angezapft werden.

Diese Investition und organisationelle Turnübung in Sachen Zukunftsorientierung könnte zudem die Grundlage bilden, als Stadt mit einer "Stabsstelle Digitalisierung" über Onlinemarktplätze hinaus kompetent zu agieren. Die Stichwörter lauten dann Smart City, E-Government, Open Data und so weiter.

Und freilich sollte Karrer als Platzhirsch und Local Hero unter den inhabergeführten Geschäften mit gutem Beispiel vorangehen. Denn er hat noch Hausaufgaben zu erledigen, selbst wenn er sie süffisant unter den Tisch kehrt. Karrer hätte schon längst damit anfangen können, einen konsistenten Produktdatenstamm samt Fotos und Beschreibungen aufzubauen und seine elektronische Warenwirtschaft an die Erfordernisse modernen Handelsmarketings anzupassen. Der Schlüsselfaktor nämlich ist die Abbildung der Warenverfügbarkeit. Der digitale Kunde sucht Produkte und keine Firmenadressen.

Ein lokaler Onlinemarktplatz, der nicht nur als einfach zu handhabendes Verkaufswerkzeug, sondern als problemorientiertes und professionell moderiertes "Learning by Doing" und als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden wird, böte eine gute Gelegenheit, nicht nur über digitale Transformation zu reden, sondern sie anzupacken.

Andreas Haderlein ist Experte für Digitalisierungsstrategien für Städte, Gewerbestandorte und Einzelhandel. Er betreibt die Informationsplattform und Wissensdatenbank LocalCommerce.info und ist Autor des Buchs "Local Commerce: Wie Städte und Innenstadthandel die digitale Transformation meistern".

Ausgabe 12/2018


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