Lokal, digital - oder beides?

Heft 12/2018
Niklas Birner für Harvard Business Manager

4. Teil: Eine falsche Diskussion

Karrer war kein Mensch, der vor Problemen zurückschreckte. "Du kannst alles lösen", hatte sein Vater ihm immer eingeschärft. "Und wenn es trotzdem nicht klappt, hast du es wenigstens versucht." Getreu diesem Motto suchte Karrer weitere Gespräche und interviewte in den folgenden Tagen ein Dutzend Unternehmer, die ganz unterschiedliche Auftritte im Internet hatten. Leider waren deren Antworten auch sehr verschieden. Anbieter, die heute bereits im Netz aktiv waren, zeigten sich offen für weitere Aktivitäten, andere wiederum verweigerten dies eher.

Dabei wurde zudem deutlich, dass viele das Internet eher mieden, um nicht das eigene Geschäft zu kannibalisieren. Manche scheuten sich, für einen Internetauftritt Geld auszugeben, im Netz Produkte dann billiger anzubieten und von ihrer Marge auch noch etwas abzugeben. Bei anderen herrschte einfach Unwissen vor, die Angst vor Neuem und eine Generationenfrage. Und viele glaubten nicht, dass sich die Kunden weiter in Richtung Internet orientieren würden.

Wilhelm Karrer erinnerte sich vor allem an das Gespräch mit dem befreundeten Unternehmer Anton Meinig, der in einer anderen Stadt ebenfalls ein familieneigenes Kaufhaus leitete. "Wir führen eine völlig falsche Diskussion", hatte Meinig gesagt. "Wir sollten nicht über das Internet reden, sondern unsere Kernstärken weiterentwickeln."

Meinig regte beispielsweise an, den Service weiter auszubauen und etwa noch mehr Parkplätze zur Verfügung zu stellen, die Beleuchtung zu verbessern, länger zu öffnen und wöchentliche Events in der Stadt anzubieten. "Wir müssen uns für neue Ideen öffnen - lokal", sagte er und erzählte von einer Stadt im Nachbarbundesland, die es sogar geschafft hatte, die Outlets der großen Marken in der historischen Innenstadt anzusiedeln.

Das Gespräch mit Meinig brachte Karrer ins Grübeln. Events, bessere Öffnungszeiten, eigene Parkplätze - das hatte Karrer ja bereits. Und die Kunden kamen nach wie vor gern zu ihm. Erst vergangene Woche war das Atrium im Kaufhaus Karrer anlässlich der Herbstmodenschau rappelvoll gewesen. Lag die Lösung des Problems womöglich direkt vor seiner Haustür?

Diesen Fall entwickelte Andreas Hesse, Dozent für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Koblenz. Er beschäftigte sich im Rahmen seiner Doktorarbeit an der European Business School Oestrich-Winkel mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Organisationen.

Soll Karrer die Handelsplattform vorantreiben oder ist sein eigener Weg Erfolgversprechender? Unsere Experten Antworten.

Ausgabe 12/2018


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