Blauäugige Konsumenten

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Heft 2/2018
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Nehmen wir an, Sie suchen einen Chirurgen für eine bevorstehende OP. Die Onlineprofile der infrage kommenden Kandidaten enthalten alle bis auf eines Daten darüber, wie hoch die Patientensterblichkeit bei diesem Arzt ist. Also vermuten Sie, dass die fehlende Information ein ungünstiges Ergebnis verschleiern soll, und streichen diesen Arzt von Ihrer Liste. Oder doch nicht? Vermutlich nicht, wie eine Studie nahelegt. Denn bei einer Reihe von Laborexperimenten mit 1700 Teilnehmern, die Ärzte beurteilen oder auswählen sollten, verziehen die Probanden lückenhafte Informationen allzu bereitwillig. In einem Experiment, bei dem sie die Vertrauenswürdigkeit der Mediziner beurteilen sollten, nannten ihnen die Forscher drei Gründe für die fehlende Bewertung. Einige Probanden bekamen zu hören, die Bewertung sei nach dem Zufallsprinzip entfernt worden; andere erfuhren, dass der Arzt sie nicht zur Verfügung gestellt hatte. Der dritten Gruppe erklärten die Wissenschaftler, dass der Arzt sich geweigert hatte, sie anzugeben. Nur die dritte Gruppe zeigte überhaupt ein Bewusstsein für die fehlenden Daten. In einem weiteren Experiment erfuhren einige Probanden ebenfalls, dass eine Ärztin sich geweigert hatte, ihr Ergebnis zu nennen. Dennoch entschied sich von ihnen ein signifikant höherer Anteil für diese Medizinerin als von Probanden einer anderen Gruppe, denen erzählt worden war, die Ärztin hätte eine schlechte Note erhalten.

Diese Ergebnisse stehen in Widerspruch zu dem, was die Spieltheorie vorhersagt, nämlich dass Menschen für fehlende Informationen immer den schlimmstmöglichen Grund annehmen. "Wir können uns offenbar nicht darauf verlassen, dass die Leute aus lückenhaften Informationen die richtigen Schlüsse ziehen oder sie auch nur bemerken", schreiben die Wissenschaftler. "Daher empfehlen wir, dass Anbieter von Waren und Dienstleistungen dazu verpflichtet werden, sämtliche Angaben offenzulegen, die für die Entscheidungsfindung der Verbraucher relevant und wertvoll sind."

Quelle: Sunita Sah, Daniel Read: "Disclosure and the Dog That Didn't Bark", Academy of Management Journal


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